Wenn Melissa Gilbert heute ihren 62. Geburtstag in den Catskill Mountains feiert, blickt sie auf ein Leben zurück, das so widersprüchlich ist wie kaum ein anderes in Hollywood. Für Millionen Zuschauerinnen weltweit ist sie für immer „Halbblut" Laura Ingalls aus „Unsere kleine Farm". Doch dieses Mädchen mit den Zöpfen war nie das, wofür alle es hielten.

Melissa Gilbert und das Geheimnis ihrer Geburt

Geboren am 8. Mai 1964 im French Hospital in Los Angeles, wurde Melissa nur 48 Stunden nach ihrer Geburt von ihren leiblichen Eltern weggegeben. Adoptiert vom Schauspieler-Ehepaar Paul Gilbert und Barbara Crane bekam sie einen neuen Namen, eine neue Familie und eine glamouröse Geschichte: Ihre Mutter sei eine Primaballerina gewesen, ihr Vater ein Rhodes-Stipendiat.

Erst Jahrzehnte später erfuhr Gilbert die Wahrheit. Ihre leibliche Mutter Kathy war Tänzerin, ihr leiblicher Vater David Schildermaler. Beide waren bereits anderweitig verheiratet, hatten gemeinsam sechs Kinder aus früheren Beziehungen und konnten ein siebtes nicht ernähren. Ein Anfang voller Fragezeichen, wie sie es später in ihren Memoiren „Prairie Tale" nannte.

Melissa Gilbert und der Vater, der sie nie verlassen wollte

Als Paul Gilbert 1976 starb, war Melissa elf Jahre alt – und gerade zwei Jahre als Laura Ingalls auf den Bildschirmen zu sehen. Die Familie sagte ihr und ihrem Bruder Jonathan, ihr Vater sei im Schlaf an einem Schlaganfall gestorben. Diesen Glauben trug Melissa über drei Jahrzehnte mit sich. Erst mit 45 Jahren, geplagt von einem unbestimmten Gefühl, dass etwas nicht stimmte, beauftragte sie einen Privatdetektiv.

Was er herausfand, brach ihr Weltbild auseinander: Ihr Vater, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, hatte unter unerträglichen Schmerzen gelitten und sich selbst das Leben genommen. „Es ist eine sehr schwere Sache, das zu tragen", sagte Gilbert später. Sie habe sechs Monate lang nicht funktionieren können. Heute setzt sie sich öffentlich für die Suizidprävention ein – und sagt: „Ich habe gelernt, seine Entscheidung zu ehren."

Michael Landon – der zweite Vater am Set

Was viele nicht wissen: Nach dem Tod ihres Adoptivvaters fand Melissa Trost in einem anderen Mann. Michael Landon, ihr Serienvater Charles Ingalls, wurde für sie zu einer Art Ersatzvater. An den Wochenenden verbrachte sie viel Zeit mit der Familie Landon. Auf der Bühne der „Kleinen Farm" entstand etwas, das sich dort kein Drehbuch ausdenken konnte: eine echte, tragende Bindung zwischen einem Kind und seinem Mentor.

Als Landon 1991 an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb, war es für Gilbert ein zweiter Vaterverlust. Ihrem späteren Sohn gab sie zur Erinnerung an ihn den Namen Michael.

Der Anruf an den leiblichen Vater – und seine Antwort

Erst als Mutter spürte Gilbert den Drang, ihren leiblichen Eltern zu begegnen. Sie fand ihren biologischen Vater, einen ehemaligen Stockcar-Rennfahrer und Musiker. Sie rief ihn an, ohne ihren Namen zu nennen. Er fragte: „Wer sind Sie? Was machen Sie?" Sie antwortete vorsichtig: „Haben Sie jemals ‚Unsere kleine Farm' gesehen?"

Seine Antwort, Jahrzehnte zu spät und doch genau richtig: „Du bist Laura, oder? Ich wusste es." Er hatte seine Tochter im Fernsehen erkannt. Ohne sie je gesehen zu haben.

Melissa Gilbert mit 62 – angekommen auf ihrer eigenen Prärie

Heute lebt Gilbert mit Ehemann Timothy Busfield in einem alten Haus in den Catskill Mountains, das beim Kauf 2019 viele für unbewohnbar hielten. „Tim und ich sind die beste Sorte verrückt", sagte sie damals. „Wir sind hoffnungsvolle Visionäre." Sie betreibt die Lifestyle-Marke „Modern Prairie", schreibt Memoiren, ist dreifache Mutter, frisch gebackene Großmutter und kehrte zuletzt für Theaterauftritte vor das Publikum zurück.

Drei Ehen, vier Söhne und Stiefkinder, ein Hollywood-Stern mit 21 – und doch ist es das Mädchen mit den Zöpfen, das die Welt nie vergessen wird. Halbblut. Ein Spitzname, der Melissa Gilbert ihr Leben lang begleitete – und der heute, an ihrem 62., wie ein zärtlicher Gruß einer ganzen Generation klingt.