Aus einer eher kleinen TV-Gala wurde im Lauf der Jahrzehnte ein weltweites Pop-Phänomen: Der Eurovision Song Contest zieht heute rund 160 Millionen Menschen an. Zum 70. Geburtstag widmet die ARD dem Wettbewerb die 90-minütige Dokumentation „70 Jahre ESC – More than Music“.
Hape Kerkeling erklärt Deutschlands ESC-Problem
Diese ist seit dem 8. Mai in der Mediathek verfügbar und läuft am 11. Mai um 20.15 Uhr im Ersten. Der Film zeichnet die Entwicklung seit 1956 nach und verbindet große Auftritte, politische Konflikte und persönliche Erinnerungen zu einem dichten Rückblick.
Entertainer Hape Kerkeling (61) beschreibt in der Doku, warum der Wettbewerb aus seiner Sicht so langlebig geblieben ist. Der ESC habe sich immer wieder neu erfunden und sei vom „eleganten Orchester-Club-Event“ zu einem europäischen Großereignis geworden.
Zugleich spricht der 61-Jährige über Deutschlands schwierige Rolle. „Mit lustig lassen sie uns nicht gewinnen. Deutschland ist nicht lustig in den Augen der anderen Europäer. Wir können nur zu Tränen rühren in Unschuld. Dann vergibt man uns alles“, so Hape Kerkeling.
Nicole und Lena prägen deutsche Siegermomente
Nur zweimal gewann Deutschland den Wettbewerb: 1982 mit Nicole (61) und „Ein bisschen Frieden“, 2010 mit Lena Meyer-Landrut (34) und „Satellite“. Beide Erfolge nimmt der Film ausführlich in den Blick. Sängerin Nicole betont die anhaltende Kraft ihres Liedes und verweist auf dessen Friedensbotschaft.
Daneben erinnert die Produktion an prägende deutsche Beiträge wie Katja Ebsteins (81) „Theater“, Joy Flemings „Ein Lied kann eine Brücke sein“ und Guildo Horns (63) Auftritt von 1998. Auch das Jahr 1996 fehlt nicht, als Leons „Planet of Blue“ vorab aussortiert wurde und Deutschland einmalig nicht teilnehmen durfte.
Ireen Sheer setzte 1978 ein frühes Showzeichen
Die Doku verfolgt auch, wie sich der Wettbewerb vom Lied- zum großen Showformat wandelte. Ein markanter Moment war 1978 der deutsche Beitrag „Feuer“ von Ireen Sheer (77). Kulturwissenschaftler Irving Wolther ordnet ein, dass damit ein frühes Bühnenmotiv begann: Sheer legte auf der Bühne ein Cape ab.
Wie der „Stern“ berichtet, war das der erste derartige Moment in der Geschichte des damals noch deutlich braveren Wettbewerbs. Später kamen immer größere Inszenierungen hinzu, von Abba 1974 bis zu Lordi 2006. Sänger Tomi Putaansuu (52) nennt in der Doku ausgerechnet „Diva“ von Dana International seinen liebsten ESC-Song.
Peter Urban und Tom Neuwirth über Politik und Vielfalt
Neben Musik und Show behandelt der Film auch die politischen Spannungen rund um den Wettbewerb. Die Debatte über Israels Teilnahme wird ebenso aufgegriffen wie der Ausschluss Russlands nach dem Angriff auf die Ukraine. Peter Urban (78) erinnert daran, dass ursprünglich Unterhaltung helfen sollte, die Wunden des Krieges zu heilen.
Irving Wolther erklärt zudem, es handle sich streng genommen nicht um einen Wettbewerb der Länder, sondern der Sender. Raum bekommt auch das Thema Queerness: Tom Neuwirth (37) alias Conchita Wurst sagt über die Figur Conchita Wurst: „Dass aus Queerness Kreativität entsteht, ist lange bekannt. Nur hatten wir lange nicht die Bühne“, so Tom Neuwirth.