Skisprung-Legende Sven Hannawald galt Anfang der 2000er als Überflieger seines Sports – doch hinter den Kulissen kämpfte der damalige DSV-Star mit massiven seelischen Problemen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere fühlte sich der Athlet zunehmend ausgebrannt, obwohl seine sportlichen Werte laut Ärzten hervorragend waren.
In einem Interview blickte der heutige TV-Experte vor einiger Zeit auf diese dunkle Phase zurück und beschrieb, wie sich sein Leben nur noch um Sprünge, Weiten und Ergebnisse drehte. „Ich fühlte mich dauernd müde. Meinem Körper habe ich Pausen gegönnt, aber in meinem Kopf ging es 24 Stunden am Tag, an sieben Tage der Woche, ums Skispringen“, erklärte er gegenüber der „Apotheken-Umschau“.
Sven Hannawald: Triumph bei Vierschanzentournee und innerer Druck
2002 schrieb der Skispringer Geschichte: Als erster Athlet gewann er alle vier Springen der Vierschanzentournee und holte im selben Winter mit der Mannschaft Olympia-Gold in Salt Lake City. Doch während die Öffentlichkeit den strahlenden Sieger feierte, verschärfte sich im Hintergrund ein gefährlicher Leistungsdruck.
Er selbst beschrieb seinen Zustand damals als „schleichenden Prozess“: körperlich erschöpft, innerlich getrieben, unfähig abzuschalten, selbst auf der Heimfahrt vom Wettkampf dachte er schon an den nächsten Einsatz.
Burnout-Diagnose: „Es war eine totale Erlösung“
2003 fühlte sich der Sportler nach eigenen Worten „ständig schlapp“. Ärzte vermuteten zunächst Pfeiffersches Drüsenfieber, doch die Untersuchungen blieben ohne eindeutigen Befund. Stattdessen bekam der Leistungssportler immer wieder zu hören, seine Werte seien top. Erst ein Termin bei einem Psychosomatiker brachte Klarheit.
Dort erhielt Hannawald die Diagnose Burnout – ein Moment, den er als Befreiung empfand. „Endlich wusste ich, was mit mir los war – und konnte etwas dagegen tun“, so der frühere Vierschanzentournee-Sieger. Sein Plan: in die Klinik, Ursachen verstehen, Tipps holen und schnell zurück in den Weltcup.
Klinikaufenthalt und der Kampf gegen die innere Unruhe
In der Klinik gelang es dem ehemaligen Spitzenspringer zunächst, Abstand vom harten Alltag zu gewinnen. Er konnte schlafen, zur Ruhe kommen, sich erstmals wieder mit seinen Gefühlen auseinandersetzen. Doch die Erholung hatte Grenzen: Sobald er nur an Skispringen dachte, reagierte sein Körper alarmiert.
Hannawald berichtete von schlaflosen Nächten, Schweißausbrüchen und massiver innerer Unruhe. Medikamente halfen ihm anfangs, abends zur Ruhe zu finden. Gleichzeitig wurde ihm klar, dass seine Erkrankung nicht mit ein paar Wochen Auszeit zu lösen war. Es ging darum, ein Leben zu hinterfragen, das jahrelang nur auf Funktionieren und Höchstleistung ausgerichtet gewesen war.
Karriereende, schwerster Tag und neuer Lebensweg
Nach dem Klinikaufenthalt kehrte das Gefühl von extremem Stress zurück, sobald ein Comeback konkret wurde. Hannawald spürte: Ignoriert er diese Signale, droht der nächste Zusammenbruch. „Mein Körper sagte ganz klar: Lass es. Und ich habe auf ihn gehört“, schilderte er rückblickend.
Die Entscheidung, seine aktive Karriere zu beenden, beschrieb der heute 47-Jährige als „schwersten Tag meines Lebens“. Er musste seine große Liebe, das Skispringen, loslassen. Danach suchte er lange nach neuen Aufgaben, probierte vieles aus – vom Motorsport mit Rennlizenz bis hin zum Alltag mit seinem Hund, der ihm half, wieder Struktur und Freude zu finden. So fand der frühere Weltklasse-Athlet Schritt für Schritt zurück ins Leben.