Wenn man heute an Monica Bleibtreu denkt, denken die meisten zuerst an ihren Sohn Moritz. Dabei stand sie selbst über 40 Jahre auf der Bühne, bevor das große Publikum sie wirklich entdeckte. Geboren am 4. Mai 1944 in Wien, wuchs sie hinein in eine Theaterdynastie – und in bittere Armut. Das kleine Theater ihres Vaters in Mödling stand permanent vor der Pleite.

Als Monica vierzehn war, ging es endgültig bankrott. Sie musste die Schule abbrechen und verdingte sich als Hilfsarbeiterin in einer Fabrik, wo sie Gürtel nähte. Sie wollte Schauspielerin werden, sagte sie später einmal, weil es „blöd aussah", dass in ihrem Pass „Hilfsarbeiterin" stand.

Monica Bleibtreu: Der späte Ruhm einer großen Charakterdarstellerin

Was viele nicht wissen: In der Branche gilt eigentlich die ungeschriebene Regel, dass Schauspielerinnen es bis Mitte 30 geschafft haben müssen. Monica Bleibtreu war die glänzende Widerlegung dieser These. Erst kurz vor ihrem 60. Geburtstag begann der Ruhm, sich über ihr anzuhäufen. Davor war sie für viele lange „nur die Mutter von Moritz" – ihren Sohn hatte sie aus einer Affäre mit dem österreichischen Schauspieler Hans Brenner und zog ihn allein auf. In Tom Tykwers Kultfilm „Lola rennt" (1998) spielte sie an der Seite ihres Sohnes eine blinde Frau – ein winziger Auftritt, der ihre späte Filmkarriere zündete.

Es folgten Glanzrollen als Helene Weigel, als Katia Mann und als Elisabeth Knef in „Hilde". Als sie 2007 für „Vier Minuten" den Deutschen Filmpreis bekam, machte sie etwas Ungewöhnliches: Sie bedankte sich bei ihrem eigenen Sohn. Von Moritz, dem Jungstar, habe sie überhaupt erst gelernt, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Bis dahin sei sie „immer weggelaufen, wenn es nach Erfolg roch".

Monica Bleibtreu und „Marias letzte Reise": Wenn das Drehbuch zur Realität wird

Und hier kommt die erschütternde Wendung dieser Geschichte. Im Jahr 2005 spielte Monica Bleibtreu in dem Fernsehfilm „Marias letzte Reise" eine krebskranke Bäuerin, die sich gegen eine weitere Chemotherapie entscheidet und lieber zu Hause auf ihrem Hof sterben will. Für diese stille, würdevolle Darstellung gewann sie den Deutschen Fernsehpreis als beste Schauspielerin und kurz darauf den Grimme-Preis in Gold.

Was damals niemand ahnte: Wenig später erhielt sie selbst die Diagnose Lungenkrebs. Zweieinhalb Jahre lang kämpfte sie gegen die Krankheit, drehte weiter, stand auf der Bühne, gab ihren Schauspielunterricht. Eine bittere Ironie des Schicksals fügte hinzu: In ihrem letzten Fernsehfilm „Ein starker Abgang", der ausgerechnet an ihrem 65. Geburtstag im ZDF wiederholt wurde, spielte sie eine Ernährungsberaterin an der Seite eines an einem Tumor erkrankten Schriftstellers. Ihr letzter gesprochener Satz im Film war: „Ich koch uns erst einmal einen Kaffee."

Monica Bleibtreu: Neun Tage nach ihrem letzten Geburtstag

Nur neun Tage nach diesem 65. Geburtstag, in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai 2009, starb Monica Bleibtreu in ihrer Wohnung in Hamburg-St. Georg, dem Stadtteil, den sie liebte und in dem sie bis zuletzt lebte. Ihre allerletzten beiden Kinofilme, „Tannöd" und Fatih Akıns „Soul Kitchen", kamen erst nach ihrem Tod ins Kino – sie hat ihre eigenen Schlussakkorde nie auf der Leinwand gesehen.

Heute erinnert ein Preis der Hamburger Privattheatertage an sie, in München gibt es einen Monica-Bleibtreu-Weg. Doch ihr eigentliches Vermächtnis ist ein anderes: dass es nie zu spät ist, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. „Plötzlich tun alle so, als wäre ich vom Himmel gefallen", sagte sie noch kurz vor ihrem Tod über die späten Ehrungen. Wer sie einmal in „Marias letzte Reise" gesehen hat, weiß: Sie ist nie vom Himmel gefallen. Sie hat sich jeden Schritt erkämpft – bis zum letzten.