Mireille Mathieu wurde am 22. Juli 1946 in Avignon geboren, als ältestes von 14 Kindern. Ihr Vater Roger Mathieu war Friedhofssteinmetz, ihre Mutter Marcelle-Sophie Poirier kümmerte sich um die Kinder. Die Familie lebte in einer baufälligen Hütte aus Zementplatten am Rand der Stadt. Es gab keine Heizung, kein fließendes Wasser, kein dichtes Dach. Das Wasser musste aus einem Brunnen im Garten gepumpt werden. Wer Mireille Mathieu wirklich verstehen will, muss bei diesem Bild anfangen.

Mireille Mathieu und die Kindheit, in der sie früh Mutter wurde

„Wir Mädchen schliefen zu fünft in einem Bett – zwei in die eine, drei in die andere Richtung", erinnerte sich Mireille Mathieu später. „Meine Mutter legte uns warme Ziegelsteine ins Bett." Mit sechs Jahren wusch das kleine Mädchen Wäsche, schrubbte Böden, wickelte ihre Geschwister. „Ein Leben in Armut – ich weiß, was das heißt", sagte sie über ihre frühen Jahre.

Als Älteste war sie nicht nur Schwester, sondern fast schon zweite Mutter. Ihre Kleidung gab sie weiter an die kleineren Geschwister, ihren ersten Lohn als Fabrikarbeiterin nach Hause. Die Schule brach sie vorzeitig ab, um Geld zu verdienen. Was viele nicht wissen: Mireille Mathieu hatte zudem eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Sprechen, lernen, später singen – das alles musste sie sich härter erkämpfen als andere.

Mireille Mathieu und der Vater, der eigentlich selbst Sänger werden wollte

Hinter der späten Weltkarriere des Spatzen von Avignon steht ein Mann, der seinen eigenen Traum nie leben durfte. Roger Mathieu hatte eine Tenorstimme und liebte die Musik. Doch sein strenger Vater hatte ihm verboten, eine Sängerkarriere zu wagen. So entstand auf dem steinigen Boden von Avignon ein heimlicher Schwur: Was er nicht durfte, sollte eine seiner Töchter tun. Mit vier Jahren stellte er die kleine Mireille während einer Mitternachtsmesse in der Kirche zum Singen auf. Es war ihre erste Bühne. Und der Beginn einer Verwandlung, die ein Vater einer Tochter weitergab. Nicht aus Ehrgeiz. Aus Sehnsucht.

Mireille Mathieu und der Tag, der alles veränderte

Mit 18 Jahren gewann Mireille Mathieu einen lokalen Gesangswettbewerb in Avignon mit „La vie en rose". Bald darauf entdeckte der Pariser Showmanager Johnny Stark, der einst auch mit Edith Piaf gearbeitet hatte, ihre Stimme. Er erkannte sofort, was vor ihm stand: eine moderne Piaf, klein, zierlich, ungeschult, aber mit einer Stimme, die ganze Säle still werden ließ. 1965 gewann Mireille mit 19 die TV-Show „Jeu de la chance" und unterschrieb ihren ersten Plattenvertrag.

Aus dem Mädchen, das zu fünft in einem Bett geschlafen hatte, wurde die „Demoiselle d'Avignon" – Frankreichs Liebling. Schon 1969 eroberte sie mit „Hinter den Kulissen von Paris" auch das deutsche Publikum. Im selben Jahr begann ihre lange Zusammenarbeit mit den Schlager-Komponisten Christian Bruhn und Georg Buschor, die ihr über 100 deutsche Titel schreiben sollten – „Akropolis Adieu", „La Paloma Adieu", „An einem Sonntag in Avignon", „Santa Maria".

Mireille Mathieu und der Reichtum, der keine Familie ersetzt

In über 60 Bühnenjahren verkaufte Mireille Mathieu rund 190 Millionen Tonträger und sang über 1200 Lieder in mindestens elf Sprachen. Sie kaufte ein Anwesen im noblen Pariser Vorort Neuilly. Ihrer Familie kaufte sie Häuser. Doch privat blieb die kleine Frau aus Avignon allein. Sie heiratete nie, hat keine eigenen Kinder. „Ich fühle mich auf der Bühne frei, es ist wie eine Liebesbeziehung zum Publikum. Ich gebe alles von Herzen, und es kommt was zurück.

Es ist das, was ich im normalen Leben leider nicht erlebe", sagte sie der Zeitschrift „Freizeit Revue". Ein Satz, der mehr sagt als jedes Liebeslied. Die Bühne wurde zur Frau, die Bühne wurde zum Mann, die Bühne wurde zur Familie. Zumindest fast. Denn ihre echte Familie ist ihr bis heute geblieben. Die Geschwister, die Eltern, die Nichten und Neffen.

Mireille Mathieu mit fast 80 – der Spatz fliegt weiter

Mireille Mathieu hatte 2023 ihre offizielle Abschieds-Welttournee „Goodbye my Love Goodbye" angekündigt und 2024 weitergeführt. Wer den „Spatz von Avignon" kennt, weiß: Abschied nehmen ist bei ihr ein Prozess, kein Schnitt. Mit fast 80 Jahren steht sie noch immer auf der Bühne, sucht ihr Publikum, ihre große, fast einzige Liebe.

Vielleicht ist genau das die schönste Bilanz eines Lebens, das in einer Baracke ohne Heizung begann und mit einer Diamond-Disc-Sammlung endete: dass eine Frau, die in ärmsten Verhältnissen aufwuchs, am Ende sagen konnte, der größte Reichtum sei nicht das gewesen, was sie verdient hat. Sondern das, was sie geteilt hat.