Noch kurz vor seinem Ehrentag mischte sich das Enfant terrible der französischen Mode unerkannt unter die Nachwuchsmodels von Heidi Klum – mit falschem Namen, Cap und Sonnenbrille.
„Meine geheime Mission war es, selbst backstage zu gehen und so zu tun, als wäre ich ein Model", verriet Gaultier im Interview mit ProSieben. Dafür schlüpfte er in die Rolle eines ganz normalen Casting-Kandidaten namens „Raoul" – schwarze Cap, Sonnenbrille, dunkelgrüner Hoodie und schwarze Hose. Die angehenden Germany's-Next-Topmodels plauderten munter mit dem angeblichen Konkurrenten – und ahnten nicht, dass da die lebende Mode-Legende neben ihnen saß.
Jean-Paul Gaultier und Heidi Klum: Eine Freundschaft auf dem Laufsteg
Mit Heidi Klum verbindet Gaultier eine jahrelange Freundschaft. Zum Start der 21. GNTM-Staffel am 11. Februar 2026 holte sich die Model-Chefin den Designer zum bereits vierten Mal als Gastjuror. Schon 2022, 2024 und 2025 saß er in Klums Jury, entdeckte Talente wie Viola Beck und machte GNTM-Gewinnerin Vivien Blotzki zum Teil einer seiner begehrten Parfüm-Kampagnen.
Dass Gaultier mit seinen 74 Jahren immer noch eine Leidenschaft für junge Talente hat, überrascht niemanden, der ihn kennt. Er selbst hat nie eine Modeschule besucht – und schickte als Teenager einfach seine Zeichnungen an die großen Designer seiner Zeit. Pierre Cardin war der Erste, der sein Talent erkannte und ihn 1970 als Assistenten einstellte. Damals war der junge Jean-Paul gerade 18 Jahre alt.
Jean-Paul Gaultier: Vom Kind in Arcueil zum Modezaren der Welt
Seine Geschichte klingt wie ein französischer Film. Geboren wurde Gaultier am 24. April 1952 in Arcueil, einer kleinen Arbeitervorstadt von Paris. Sein Vater war Buchhalter, die Mutter Kassiererin – die Welt der Haute Couture war Lichtjahre entfernt. Doch seine Großmutter, die als Krankenschwester arbeitete, nebenher aber auch als Kosmetikerin und sogar als Wahrsagerin tätig war, erkannte früh das Talent ihres Enkels. Sie ermutigte den kleinen Jean-Paul, als er bereits im Kindergartenalter Theaterdekorationen und Kleider zeichnete.
Seine erste „Kundin" war seine eigene Mutter, für die er ein Kleid entwarf. Mit 14 Jahren brach Gaultier die Schule ab, um sich ganz seiner Leidenschaft zu widmen. 1976 präsentierte er seine erste eigene Kollektion, 1978 gründete er sein Modeunternehmen. Der Rest ist Geschichte.
Jean-Paul Gaultier: Madonna, Kegel-BH und „Das fünfte Element"
Wer die 90er Jahre erlebt hat, kennt die ikonischen Bilder: Madonna 1990 auf ihrer „Blond Ambition"-Tour, eingepackt in einen rosafarbenen Korsagenanzug mit spitzen Kegel-BHs. Dieses eine Kostüm – entworfen von Jean-Paul Gaultier – schrieb Popgeschichte. Kylie Minogue ließ sich ebenfalls von ihm einkleiden, genauso wie unzählige andere Stars.
1997 wagte Gaultier den Sprung ins Kino: Für Luc Bessons Science-Fiction-Meisterwerk „Das fünfte Element" entwarf er die futuristischen Kostüme für Bruce Willis, Milla Jovovich und Gary Oldman. Jovoicias legendärer orangefarbener Mumien-Look? Pure Gaultier-Kunst.
Dazu kamen Parfüm-Klassiker, die bis heute in jedem Parfümerie-Regal stehen: „Classique" für Damen in der ikonischen Frauen-Torso-Flasche (1993) und „Le Male" für Herren in der kultigen Matrosen-Torso-Flasche (1995). Düfte, die ganze Generationen geprägt haben.
Jean-Paul Gaultier: Der Verlust seines großen Liebes
Wer Gaultier für den immer lächelnden Spaßvogel hält, kennt ihn nur halb. 1990 erlitt der Designer einen Schicksalsschlag, der sein Leben für immer verändern sollte: Sein langjähriger Lebensgefährte und Geschäftspartner Francis Menuge starb an den Folgen einer Aids-Erkrankung. Gaultier hat diesen Verlust nie öffentlich breit getreten, aber immer wieder durchschimmern lassen, wie sehr Francis ihn geprägt hat.
Eine neue große Liebe fand er danach nie mehr. Stattdessen wurde die Mode zu seiner Familie, seine Models wurden zu seinen Kindern. „Ich liebe Menschen, die anders sind", hat er einmal gesagt – und das hat er auf seinen Laufstegen immer bewiesen. Ältere Frauen, übergewichtige Frauen, tätowierte Models, Männer in Röcken: Bei Gaultier war jeder willkommen.
Jean-Paul Gaultier: Der Mode-Ruhestand, der keiner war
Im Januar 2020 sorgte Gaultier für einen Knall. Auf Twitter kündigte er an, dass seine Abschlussshow in Paris zu seinem 50-jährigen Karriere-Jubiläum seine letzte sein würde. Tränen flossen, die Modewelt trauerte um einen Giganten. Doch richtig los gelassen hat Gaultier den Laufsteg nie.
Das Haute-Couture-Haus gibt es noch immer – heute unter wechselnden Gastdesignern. Und Gaultier selbst? Der taucht immer wieder überraschend auf: als Gastjuror bei GNTM, als Kurator der „Falling in Love"-Revue im Berliner Friedrichstadt-Palast 2023, auf den roten Teppichen der Welt. Ruhestand? Nur ein Wort.
Jean-Paul Gaultier mit 74: Mode, Mut und ein Schuss Jungenhaftigkeit
Zum 74. Geburtstag blickt Jean-Paul Gaultier auf ein Leben zurück, das aussieht wie eine seiner eigenen Haute-Couture-Schöpfungen: bunt, überraschend, mutig, mit einem Schuss Schalk. Vom schulabbrechenden Buchhalterssohn aus Arcueil zum Weltstar, der Madonna ankleidete. Vom Enfant terrible zum vermissten Mentor der jungen Generation.
Und wer ihn nun als „Raoul" backstage bei GNTM unerkannt unter die Nachwuchsmodels schleichen sieht, der weiß: Dieser Mann hat den Spaß am Leben auch mit 74 noch nicht verloren.