Sängerin Nadja Benaissa öffnet in einem Interview alte Wunden und blickt schonungslos auf die extremen Höhen und Tiefen ihres Lebens zurück. Vom drogenabhängigen Teenager zur Pop-Ikone der 2000er, von hysterisch jubelnden Fans bis zum kompletten Stillstand nach dem Band-Aus: Ihre Geschichte liest sich wie ein dramatisches Drehbuch.
Nadja Benaissa zwischen Ruhm und innerem Chaos
Mit nur 19 Jahren wird Nadja in der ProSieben-Show „Popstars“ vor laufenden Kameras zum Mitglied der No Angels gewählt, kurz zuvor ist sie bereits Mutter geworden. Die Band verkauft Hunderttausende Platten, Konzerthallen füllen sich, doch innerlich bricht sie zusammen.
„Wenn Tausende Menschen vor der Bühne stehen, ist das schon geil“, erinnert sie sich im „Zeit“-Interview. Gleichzeitig fühlt sie sich überfordert von Mutterrolle, Termindruck und eigenen Dämonen: „Ich dachte, ich wäre eine Frau, aber eigentlich war ich noch ein Mädchen.“ Schuldgefühle gegenüber ihrer kleinen Tochter und der Druck des Erfolgs treiben sie immer weiter an den Rand.
Alkohol, Drogen und ein „schwarzes Loch“
Um dem Dauerstress zu entkommen, greift Nadja zu Rauschmitteln. „Ich flüchtete mich in Alkohol und Drogen, um irgendwie zurechtzukommen“, sagt sie im Gespräch mit der „Zeit“. Verarbeiten kann sie in dieser Phase nichts: „Irgendwann wurden all diese Emotionen ein großes schwarzes Loch und haben mich verschluckt.“
Die Schattenseiten des Ruhms zeigen sich auch im Alltag: Fans stehen vor ihrer Wohnung, bedrängen sie, übersehen dabei ihr Kind. Manchmal wird sie so eingekesselt, dass sie Panik bekommt. Aus dem Traumjob wird ein Zustand permanenter Bedrohung – und der Ausstieg aus der Spirale scheint zunächst unerreichbar.
Absturz nach Band-Aus und Verurteilung
Nach der Trennung der No Angels fällt Nadja ins Leere. „Nach der Trennung der No Angels ist mein Leben von Hundert auf null runter. Plötzlich war da nichts mehr. Ich war völlig verzweifelt“, erzählt sie der „Zeit“.
Zusätzlich belastet sie die Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung, nachdem sie trotz HIV-Infektion ungeschützten Sex hatte. Rückblickend beschreibt sie diese Lebensphase als existenziellen Wendepunkt: „Ich stand vor der Entscheidung, mich meinem Elend hinzugeben, vielleicht sogar zu sterben – oder endlich etwas zu ändern.“ Erst Mitte dreißig erkennt sie, dass es so nicht weitergeht.
Therapie, Vergebung und neues Band-Comeback
Der Wendepunkt kommt mit einer intensiven Therapie. „Als ich gewagt habe, meine wunden Punkte anzusehen, sind sie geschrumpft“, sagt Nadja heute. Sie arbeitet ihre Vergangenheit auf, spricht offen mit ihrer Tochter, bittet um Vergebung für Zeiten, in denen sie emotional nicht präsent war. Dankbarkeitstagebuch, Gespräche mit Freundinnen und Gebete helfen ihr, stabil zu bleiben.
Seit dem Comeback der No Angels vor einigen Jahren steht sie wieder mit der Band auf der Bühne – diesmal aus anderen Gründen. Es ginge um die Gemeinschaft, betont sie. Die Fans sehen in ihr nun eine Frau, die viel erlebt hat und trotzdem weitergeht.