Es ist Sommer 1929, irgendwo im belgischen Ixelles. Die kleine Audrey Kathleen Ruston ist gerade einmal sechs Wochen alt, als sie schwer an Keuchhusten erkrankt. Plötzlich setzt die Atmung aus, das Baby wird blau. Ihre Mutter, die niederländische Baronin Ella van Heemstra, ruft keinen Arzt – sie verpasst dem Kind in ihrer Verzweiflung einen kräftigen Klaps. Es funktioniert. Audrey holt wieder Luft.

Audrey Hepburns dunkle Kindheit zwischen den Fronten

Was die wenigsten wissen: Audreys Kindheit war kein behütetes Adelsidyll. Beide Eltern hatten in den 1930er-Jahren mit dem Faschismus sympathisiert und sich 1935 sogar persönlich mit Adolf Hitler getroffen. Im selben Jahr verließ ihr Vater Joseph Ruston die Familie ohne ein Wort des Abschieds. „Mutter hörte nicht auf zu weinen", erinnerte sich Audrey später, „ich versuchte, ihr beizustehen, aber als Kind kann man das nicht ganz begreifen." Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zog die Mutter mit ihr nach Arnheim in den Niederlanden, in der Hoffnung auf Sicherheit.

Doch die Deutschen marschierten ein, ihr Onkel wurde gezwungen, sein eigenes Grab zu schaufeln und erschossen. Audrey selbst, gerade 15 Jahre alt, schmuggelte fortan heimliche Botschaften für die niederländische Résistance – versteckt in ihren Holzschuhen, mit dem Fahrrad durch die besetzte Zone.

Audrey Hepburn und der Hungerwinter: 40 Kilo mit 16 Jahren

Dann kam der schlimmste Winter ihres Lebens. Zwischen November 1944 und Mai 1945 hungerten die Niederlande, weil die Alliierten beim Vormarsch das Land umgingen. Sie aß Tulpenzwiebeln, machte Brot aus getrocknetem Gras, trank Wasser und Brühe, um den leeren Magen zu täuschen. Bei Kriegsende wog die 16-Jährige nur noch 40 Kilo, sie litt an Gelbsucht, Anämie, schweren Atemproblemen und Ödemen.

Ihre Mutter war so verzweifelt, dass sie einen früheren Liebhaber bei der britischen Armee anschrieb und um Hilfe bat. Er schickte ihr tausende Zigaretten, die sie auf dem Schwarzmarkt verkaufte – um Penicillin für ihre sterbende Tochter zu kaufen.

Audrey Hepburns Schönheit: Was Genetiker heute wissen

Und genau hier kommt die erstaunliche Wendung dieser Geschichte. Was die Welt jahrzehntelang als ihre einzigartige Eleganz feierte – die zarte Silhouette, die schmalen Schultern, das fast androgyne Erscheinungsbild – war in Wahrheit kein Schönheitsideal, sondern eine Spätfolge des Hungers. Die renommierte Genetikerin Dr. Nessa Carey hat nachgewiesen, dass die Mangelernährung in der Pubertät Hepburns Gene fundamental veränderte.

Ihr Muskelwachstum blieb beeinträchtigt – weshalb ihr großer Kindheitstraum, Ballerina zu werden, scheiterte. Was wie eine Tragödie aussah, wurde zu ihrem Glück: Sie wandte sich dem Schauspiel zu. Doch ihr ganzes Leben blieb ihr Körper schwach, sie litt unter Atemproblemen und nahm trotz Liebe zu Schokolade, Pasta und Whiskey nie zu.

Audrey Hepburns letzter Weg: Wie der Hunger sie wieder einholte

In ihren letzten Lebensjahren tat Audrey Hepburn das, was kaum jemand verstand. Sie zog sich aus Hollywood zurück und reiste als UNICEF-Sonderbotschafterin in die ärmsten Regionen der Welt – Äthiopien, Bangladesch, Vietnam, schließlich Somalia. „Ich glaube, die Menschen haben überhaupt keine Ahnung, wie entsetzlich qualvoll es ist, an Hunger zu sterben", sagte sie wenige Wochen vor ihrem Tod. Wenige Monate nach ihrer Somalia-Reise wurden bei ihr Tumore am Dickdarm festgestellt.

Am 20. Januar 1993 starb Audrey Hepburn im Alter von 63 Jahren in ihrem Haus in Tolochenaz am Genfer See – nur zwei Monate nach ihrer Krebsoperation. Wer „Frühstück bei Tiffany" sieht und nur die elegante Holly Golightly erkennt, sieht nur die halbe Wahrheit – die andere Hälfte erzählen ihre Augen.