Schlagerstar Howard Carpendale (80) steht eigentlich an einem Punkt, an dem er feiern könnte: Der gebürtige Südafrikaner bereitet sich auf eine große Tournee vor und veröffentlicht mit „Zeitlos“ ein neues Album, auf dem er seine größten Hits neu interpretiert. Mehr als fünf Jahrzehnte Karriere liegen hinter ihm – die Bilanz eines Künstlers, der Generationen geprägt hat.

Howard Carpendale sieht Musikbranche als „kaputt“

Doch hinter der Jubiläumsstimmung liegt bei Carpendale eine deutliche Ernüchterung über das, was aus dem Musikgeschäft geworden ist. Im „Clasen Talk“ der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ fand der Schlagerstar drastische Formulierungen: „Die Musikbranche steckt im Moment in einer schrecklichen Situation und das wird wahrscheinlich nicht besser. Die Branche ist kaputt.“

Er glaube nicht daran, dass sich die Lage noch einmal grundlegend wendet – weder für ihn selbst noch für seine Kolleginnen und Kollegen. „Ich rechne nicht damit, dass ich jemals wieder einen großen Hit haben würde. Die meisten von uns können nicht damit rechnen“, sagt der 80-Jährige und stellt damit seine eigene musikalische Zukunft bewusst unter ein düsteres Vorzeichen.

Howard Carpendale über Streaming, kurze Songs und wenig Geld

Als Hauptgründe nennt Carpendale die Dominanz von Streamingdiensten und den Einfluss künstlicher Intelligenz. „Streaming ist ein Problem für sich“, betont er, auch wenn der Marktanteil dieser Plattformen inzwischen den Großteil der Einnahmen der Branche ausmacht. Die Dienste könnten sich erlauben, Vorgaben zu machen, bezüglich der Länge oder der Instrumentalpassagen.

Für Carpendale steht das im Widerspruch zu seinem Verständnis von Kreativität. Hinzu kommt der finanzielle Druck: Eine Million Streams bringen nach seinen Angaben für alle Beteiligten zusammen nur wenige tausend Euro ein – von einem sicheren Einkommen könne selbst bei erfolgreichen Songs kaum die Rede sein.

Junge Talente: Howard Carpendale warnt vor Branche

Diese Entwicklung bereitet dem Entertainer vor allem mit Blick auf die nächste Generation Sorgen. Eine Musikkarriere gleiche heute einem Lottospiel, sagt er. Sein drastischer Rat an junge Menschen, die von einer Laufbahn auf der Bühne träumen: „Lernt Basketball. Da hat man bessere Chancen, sein Leben zu finanzieren, als mit Musik.“

Wer es trotzdem versuchen wolle, solle eigene Lieder schreiben, sie hochladen „und beten.“ Laut „Clasen Talk“ klingt Carpendale dabei bewusst zynisch, will aber die Realität nicht beschönigen. In einer Welt, in der täglich zehntausende neue Titel erscheinen und KI-Produktionen zusätzlich auf den Markt drängen, sieht er kaum noch Raum für nachhaltige Karrieren.

Howard Carpendale: Letzte Tour als persönlicher Schlussakkord

Seine Konsequenz aus dieser Entwicklung: Statt auf neue Songs zu setzen, bringt Carpendale am 20. Februar mit „Zeitlos“ ein Album heraus, auf dem er seine Klassiker neu aufnimmt. Er wolle die Lieder „ins Heute bringen“, mit gereifter Stimme und dezenten Modernisierungen, ohne den Kern der Originale zu verlieren. Einige seiner Titel seien ihrer Zeit voraus gewesen.

Im März startet zudem seine letzte große Tournee – ein Abschied auf eigenen Wunsch, während sich die Branche rasant verändert. Für Carpendale ist es eine Mischung aus Rückblick und Selbstbehauptung: Er akzeptiert, dass er in der heutigen Streaming- und KI-Welt wohl keinen Hit mehr landen würde, nutzt aber die Bühne noch einmal, um seine Musik zu feiern.