Wind – ein Name, der in den 80er-Jahren in fast jedem deutschen Wohnzimmer fiel. Die sechs Münchner Stimmen prägten zwei Jahrzehnte deutscher Schlager-Geschichte. Sie waren die erste deutsche Casting-Band, lange bevor das Wort überhaupt erfunden wurde.
Drei Mal vertraten sie Deutschland beim Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie der ESC damals noch hieß. Zwei Mal landeten sie auf dem zweiten Platz – auf jenem Platz, den man sich später am wenigsten merken will, weil er so nah am Triumph und doch so unendlich weit entfernt davon ist.
Wind und der Schicksalsabend von Göteborg 1985
Es war das Jahr, in dem niemand mit ihnen rechnete – und plötzlich rechneten alle mit ihnen. Wind, gegründet aus den Resten der A-cappella-Gruppe „Voices in Touch", traten 1985 mit dem Song „Für alle" beim Eurovision Song Contest in Göteborg an. Komponiert und getextet hatte das Lied eine Frau, die selbst große Schlager-Geschichte schrieb und über die wir vor wenigen Tagen berichteten: Hanne Haller.
Übrigens: Wind galten vor dem ESC 1985 als Top-Favoriten. Europäische Buchmacher boten teilweise nur noch Quoten gegen einen Sieg an. Auf der Bühne standen sechs Stimmen: Ala Heiler, Christiane „Miss Chris" von Kutzschenbach, Willie Jakob, Sami Kalifa, Petra Scheeser und Leadsänger Rainer Höglmeier. Doch am Ende reichte es nicht. Norwegens „Bobbysocks" gewannen mit „La det swinge". Wind landeten auf dem zweiten Platz. Der erste Schicksalsschlag einer Gruppe, die dem Sieg immer wieder so nah kam.
Wind und die Reggae-Sensation von Brüssel 1987
Zwei Jahre später ließen sich Wind nicht entmutigen. Mit einer veränderten Besetzung – Rainer Höglmeier und Willie Jakob waren ausgestiegen, dafür kam der heute aus „Wer wird Millionär?" und der ARD bekannte Andreas Lebbing dazu – traten sie 1987 in Brüssel an. Das Lied: „Laß die Sonne in dein Herz", geschrieben von Ralph Siegel und Bernd Meinunger, im ungewöhnlichen Reggae-Stil arrangiert.
Was viele nicht wissen: Auch Rob Pilatus war damals kurzzeitig Teil von Wind – jener Rob Pilatus, der wenige Monate später als Hälfte von Milli Vanilli zum größten Pop-Skandal der Geschichte werden sollte. Doch das ist eine andere Geschichte. An jenem Abend in Brüssel führte Wind im Verlauf des Votings lange. Dann holte Johnny Logan mit „Hold Me Now" für Irland auf. Am Ende fehlten 31 Punkte. Zum zweiten Mal Platz zwei für Wind. Zum zweiten Mal Tränen in München.
Wind und der dritte Versuch in Malmö 1992
Auch der dritte Anlauf glückte nicht ganz wie erhofft. 1992 fuhren Wind erneut zum Eurovision, diesmal nach Malmö. Mit dem Song „Träume sind für alle da", wieder aus der Feder von Siegel und Meinunger. Die Besetzung hatte sich erneut gewandelt: Andreas Lebbing hatte die Gruppe zwischenzeitlich verlassen, dafür waren Oliver Hahn, Stefan Marò und Albert Oberloher dabei. Letzterer wurde später übrigens Ehemann der Schlagersängerin Michelle.
Doch das Glück blieb dieses Mal aus. Wind belegten Platz 16. Es war der letzte ESC-Auftritt der Gruppe. Bis heute haben Wind aber nie das Eurovision-Kapitel ganz losgelassen. 1998 und 1999 traten sie noch zweimal beim deutschen Vorentscheid an, doch der nationale Sieg blieb ihnen verwehrt.
Wind und der ESC-Abend
Während der Abend in der Wiener Stadthalle wieder das Eurovision-Glitzern verursacht, denken viele deutsche Schlager-Fans an die alten Helden zurück. An jene Zeit, als Wind noch sechs waren. Als Hanne Haller noch lebte. Als Petra Scheeser, „Miss Chris" und der junge Rainer Höglmeier im Glitzer-Outfit auf der Göteborger Bühne standen und Deutschland mitfieberte. Heute ist von der ursprünglichen Besetzung niemand mehr dabei.
Seit 2018 besteht die Gruppe als Trio aus Andreas Lebbing, Carolin Frölian und Jasmin Kneepkens. Vielleicht ist genau das der schönste Trost für jeden zweiten Platz: Dass die Lieder oft länger leben als die Konkurrenten, die sie damals geschlagen haben.
„Laß die Sonne in dein Herz" wird heute noch in Diskotheken, auf Hochzeiten und in Schlagershows gespielt – fast 40 Jahre nach dem Beinahe-Sieg in Brüssel. Heute Abend wird wieder gefeiert. Doch der wahre Eurovision-Geist liegt nicht nur in der Show. Er liegt in den Erinnerungen einer Generation, die mit Wind aufgewachsen ist.