Vasiliki Papathanasiou wurde am 23. August 1949 im winzigen Dorf Palaiokastritsa auf Korfu geboren. Ihr Vater war der griechische Komponist Leo Leandros, ihre Mutter brachte sie nach der Trennung 1958 als kleines Mädchen nach Deutschland. Was klingt wie eine klassische Schlagersängerinnen-Biografie, ist in Wahrheit das Leben einer Frau zwischen zwei Welten, zwei Sprachen, zwei Berufungen. Heutzutage wird ihr berühmtester Hit „Ich liebe das Leben" 50 Jahre alt und erlebt eine zweite Karriere – auf TikTok.

Vicky Leandros und der TikTok-Boom 

Mit dem Stereoact-Remix von „Ich liebe das Leben", veröffentlicht im März 2025, erreichte Vicky Leandros eine völlig neue Generation. Auf TikTok werden Videos mit ihrem 70er-Jahre-Klassiker millionenfach geteilt – als musikalischer Soundtrack für kleine Glücksmomente, für Reisen, für Liebeserklärungen, für Lebensbejahungen jeder Art. „Ich liebe das Leben" platzierte sich noch in KW 15/2026 zweimal in den deutschen Charts.

Für die griechisch-deutsche Sängerin, die sich Ende 2024 bei der „Ein Herz für Kinder"-Gala offiziell von der großen Fernsehbühne verabschiedet hat, ist das eine späte und unerwartete Renaissance. Ihr Song aus den 70ern bekommt mit fast 50 Jahren ein eigenes, junges Leben. Vielleicht ist das die schönste Pointe einer Künstlerin, die früh gelernt hat, dass sich Kunst und Leben nie planen lassen.

Vicky Leandros und der Eurovision-Triumph, der alles veränderte

1972 stand sie auf der Bühne in Edinburgh und sang vier Minuten lang ein französisches Liebeslied namens „Après Toi". Für Luxemburg. Sie gewann den Eurovision Song Contest. „Après Toi" wurde zum Welthit, auf Deutsch „Dann kamst du", auf Englisch „Come What May" – Vicky Leandros wurde zum europäischen Phänomen.

Was viele nicht wissen: Es war bereits ihr zweiter ESC-Auftritt. Mit 17 Jahren hatte sie 1967 bei ihrem ersten Anlauf mit „L'amour est bleu" einen vierten Platz erreicht – und der Song wurde trotzdem ein Welterfolg. Eine junge Frau, die mit zwei ESC-Liedern Welten erobert hat, die andere Künstler in zwei ganzen Karrieren nicht erreichen. Es folgte 1974 „Theo, wir fahr'n nach Lodz", der Schlagerklassiker, den heute jeder Großvater mitsingen kann.

Vicky Leandros und der überraschende Wechsel ins Rathaus

Noch ein unbekannterer Fakt: Vicky Leandros war nicht nur Sängerin, sondern auch Politikerin. Im Oktober 2006 trat sie bei den Kommunalwahlen in der griechischen Hafenstadt Piräus an, auf der Liste der sozialdemokratischen PASOK. Sie wurde gewählt, übernahm das Amt der stellvertretenden Bürgermeisterin und Stadträtin für Kultur und internationale Beziehungen. Eine Schlagerkönigin als Vize-Bürgermeisterin – das hat es im deutschen Showgeschäft so noch nie gegeben.

Sogar in Berlin war sie 2006 als Kultursenatorin im Schattenkabinett des CDU-Spitzenkandidaten Friedbert Pflüger im Gespräch gewesen, in Hamburg bereits 2001. „Mich hat das Programm überzeugt", erklärte sie damals der „Griechenland Zeitung". „Ich liebe Piräus und möchte für diese Stadt etwas tun, wo meine Familie geboren ist und wo ich meine Kindheit verbracht habe." Es ging ihr nicht um Macht. Es ging ihr um Heimat.

Vicky Leandros und der ehrliche Rückzug aus der Politik

Doch nach nur zwei Jahren zog Vicky Leandros einen Schlussstrich. Im Mai 2008 trat sie von ihren Ämtern zurück. „Es war eine harte Entscheidung für mich", sagte sie der „Frau im Spiegel". „Ich pendelte nur noch zwischen Athen und Berlin hin und her. Bei Kommunalpolitik müsse man vor Ort sein. Ich hatte gar keine Zeit für mein Privatleben mehr." Es war eine Aussage von beeindruckender Klarheit. Wer Vicky Leandros kennt, weiß: Sie hat in ihrem Leben oft schweren Herzens, aber ohne langes Zögern entschieden.

Als sie 2005 nach 23 Jahren Ehe von dem Hamburger Unternehmer Enno von Ruffin geschieden wurde, mit dem sie zwei Töchter hat – Milana und Sandra, heute selbst Schauspielerin – galt dasselbe. Manche Frauen tragen ihre Tragödien öffentlich, andere ziehen sie nüchtern durch. Vicky Leandros gehört zur zweiten Sorte.

Vicky Leandros heute – das Leben, das sie liebt

Heute lebt Vicky Leandros wieder in Hamburg, ist zweifache Großmutter und engagiert sich für die Griechisch-orthodoxe Kirche als Botschafterin für die Kinder Afrikas. 2015 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande, 2025 den Bayerischen Verdienstorden. Ihre große Abschiedstournee 2023 trug den Titel „Ich liebe das Leben" – und genau das ist mehr als ein Werbeslogan. Es ist ihre Lebensphilosophie.

Zum 70. Geburtstag verriet sie der Deutschen Presse-Agentur zwei für sie wichtige Elixiere: „In schwierigen Situationen sollte man innehalten und noch mal über alles nachdenken." Und „Herzensgüte." Vielleicht ist das der wahre Grund, warum ein Lied aus dem Jahr 1975 heute auf TikTok ein zweites, junges Leben hat. Weil eine Frau, die in jungen Jahren Eurovision gewann, in mittleren Jahren ein Rathaus regierte und in späteren Jahren bewusst Abschied nimmt, einen einfachen, ehrlichen Satz weitergibt: Du weißt, ich liebe das Leben.