Eine Frau, deren Lebensgeschichte vom Höhenflug, tiefen Tälern und dem schönsten Comeback der deutschen Sportgeschichte erzählt.

Wer denkt an Ulrike Meyfarth, denkt an einen der ergreifendsten Momente, die das deutsche Fernsehen je übertragen hat: 4. September 1972, Olympiastadion München, ein zartes Mädchen mit langen blonden Haaren schwebt rückwärts über die Latte – und sichert sich mit 1,92 Meter sensationell olympisches Gold. Heute, am 4. Mai 2026, feiert Ulrike Meyfarth ihren 70. Geburtstag. Höchste Zeit, an eine Frau zu erinnern, deren Leben weit mehr Höhen und Tiefen kannte, als man ahnt.

Ulrike Meyfarths Sensation: Olympia-Gold mit 16 Jahren

Es war die Geschichte vom Aschenputtel der deutschen Leichtathletik. Geboren am 4. Mai 1956 in Frankfurt am Main, wuchs Ulrike Meyfarth in Ingelheim und Wesseling auf. Ein langes, schlaksiges Mädchen, dem ihr Trainer Günter Janietz das Talent zum Hochsprung ansah. Mit 14 Jahren stellte sie bereits den deutschen Schülerinnen-Rekord auf, mit 15 wurde sie deutsche Vizemeisterin – aber an Olympia-Gold dachte niemand.

„Ich bin vorher 1,85 Meter gesprungen und wollte die bestätigen und ein bisschen Olympialuft schnuppern", erzählte sie später im ARD-Interview. Doch dann kam dieser magische Abend in München. Die 16-Jährige übersprang aus dem Stand 1,90 Meter, dann ließ sie die Latte auf die Weltrekordhöhe von 1,92 Meter legen – und meisterte auch diese mit dem damals revolutionären Fosbury-Flop. „Ich hatte das Gefühl, ich kann nichts falsch machen", erinnerte sie sich später. Bis heute ist sie die jüngste Leichtathletik-Olympiasiegerin in einer Einzeldisziplin.

Olympia 1972: Als Ulrike Meyfarths Triumph zur Tragödie wurde

Doch das Glück sollte nur wenige Stunden währen. Noch in derselben Nacht ereignete sich nur ein paar hundert Meter weiter eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Sportgeschichte: Palästinensische Terroristen drangen ins israelische Quartier im Olympischen Dorf ein. Elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist verloren ihr Leben.

Für die junge Ulrike Meyfarth ein Schock, der ihren Triumph für immer überschatten sollte. Während sie am Abend zuvor noch Geschichte geschrieben hatte, lag das Olympia-Dorf am nächsten Morgen unter einem Trauerschleier. Es war, als hätten die Götter ihren Sieg neidisch beschattet. Eine Erfahrung, die das Mädchen aus Wesseling wohl ein Leben lang nicht losgelassen hat.

Ulrike Meyfarths dunkle Jahre: Das tiefe Tal nach dem Triumph

Der plötzliche Ruhm wurde zum Fluch. „Zwölf Sommer Einsamkeit" – so nannte Ulrike Meyfarth später den Zeitraum zwischen ihren beiden Olympia-Triumphen. Ihr autobiografisches Buch trägt diesen erschütternden Untertitel bis heute.

In den Jahren nach München fiel sie in eine sportliche Krise, die viele bereits als Karriereende abgehakt hatten. Ihre Sprünge verloren an Konstanz, ihre persönliche Bestleistung konnte sie sechs Jahre lang nicht steigern. Bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal scheiterte das einstige Wunderkind bereits in der Qualifikation – ein erschütterndes Erlebnis für die damals 20-Jährige. An den Olympischen Spielen 1980 in Moskau durfte sie wegen des Olympiaboykotts gar nicht erst teilnehmen.

Was wenige wissen: Ulrike Meyfarth musste in dieser Zeit auch die ständige Last des Vergleichs mit sich selbst tragen. Jede Schlagzeile lautete: „Was ist nur aus dem Wunderkind geworden?" Eine Bürde, an der manch andere Athletin zerbrochen wäre.

Ulrike Meyfarths sensationelles Comeback: Olympia-Gold mit 28

Doch Ulrike Meyfarth gab nicht auf. Was dann folgte, war eines der schönsten Comebacks der Sportgeschichte: 1982 holte sie sich bei der Europameisterschaft in Athen den Titel – und stellte dabei mit 2,02 Meter einen neuen Weltrekord auf. 1983 schraubte sie ihn in London auf 2,03 Meter.

Und dann kam der Höhepunkt: Olympische Spiele 1984 in Los Angeles. Mit 28 Jahren – und damit als älteste Hochsprung-Olympiasiegerin der damaligen Geschichte – sicherte sich Ulrike Meyfarth zum zweiten Mal olympisches Gold. Mit 2,02 Meter sprang sie in eine Dimension, die zwölf Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wäre. Bei der Schlussfeier trug sie als deutsche Fahnenträgerin die schwarz-rot-goldene Flagge ins Stadion. Eine Geste, die Millionen Deutsche zu Tränen rührte.

Bis heute ist sie die einzige Hochspringerin der Welt, der dieses Kunststück gelungen ist: zweimal Olympia-Gold, zwölf Jahre auseinander.

Ulrike Meyfarth privat: Das große Liebesglück mit Roland Nasse

Auch privat fand Ulrike Meyfarth nach den schwierigen Jahren ihr großes Glück. 1987 heiratete sie den Kölner Rechtsanwalt Roland Nasse – seitdem trägt sie den Doppelnamen Nasse-Meyfarth. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, die heute erwachsen sind.

Die Familie lebt zurückgezogen im Bergischen Odenthal, wenige Kilometer von Köln entfernt. Ein Leben fernab des Rampenlichts, ganz wie es sich Ulrike nach den turbulenten Sport-Jahren gewünscht hat. Was viele nicht wissen: Ihr Mann hat sie durch alle Höhen und Tiefen begleitet – fast 40 Jahre stehen die beiden inzwischen Seite an Seite.

Ulrike Meyfarth heute: Trainerin, Talentscout, Vorbild

Auch nach ihrem aktiven Karriereende blieb Ulrike Nasse-Meyfarth dem Sport treu. Über zwei Jahrzehnte arbeitete sie beim TSV Bayer 04 Leverkusen als Trainerin und Talentscout (1999 bis 2022). Generationen junger Sportlerinnen hat sie auf ihrem Weg begleitet.

Außerdem engagiert sich die zweifache Olympiasiegerin seit 2016 für krebs- und organkranke Kinder und unterstützt die Hospizarbeit. Ein Herzensprojekt, über das sie selten öffentlich spricht – aber das viel über ihren Charakter erzählt. 2011 wurde sie in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. Im Jahr 2015 lehnte sie eine Aufnahme in die IAAF Hall of Fame allerdings ab – aus Protest gegen den damaligen Skandal um IAAF-Präsident Lamine Diack. Eine Frau mit Haltung, eben.

Mit 70 Jahren blickt Ulrike Nasse-Meyfarth auf ein Leben zurück, das wie kein zweites für die Botschaft steht: Wahre Größe entsteht nicht durch frühen Ruhm allein – sondern durch die Kraft, nach Niederlagen wieder aufzustehen.