Heute, Jahre später, ist diese Beobachtung zu einer Erinnerung geworden, die schmerzt. Denn der Schauspieler, den ich an jenem Abend ohne sein Wissen beobachtet habe, ist tot. Alexander Held starb mit nur 67 Jahren nach kurzer Krankheit, wie sein enger Freund, der TV-Produzent Sven Burgemeister, laut Bild bestätigte. Was bleibt, ist nicht nur ein riesiges Werk – sondern auch dieses eine, sehr private Bild eines Mannes, der seine Kunst ernst nahm wie kaum ein zweiter.

Alexander Held in Hamburg: Der Moment vor der Bühne

Es war der 25. November 2019. Das Branchen-Event „Movie meets Media“ feierte im Hotel Atlantic seine 60. Ausgabe – „20 goldene Jahre“ lautete das Motto. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher gratulierte persönlich, der Saal war voll mit Größen aus Politik, Film und Fernsehen, ESC-Star Michael Schulte sang. Ein glamouröser Abend, organisiert von Medienmanager Sören Bauer und dem TV-Magazin rtv.

Ich kannte Alexander Held als Schauspieler, hatte ihn lange auf der Leinwand und im Fernsehen gesehen. Und nun stand er da, leibhaftig, ein paar Meter entfernt. Ich beobachtete ihn – nicht aufdringlich, einfach interessiert. Was ich sah, hat sich eingebrannt: ein in sich gekehrter Mann, der akribisch vor sich hin murmelte, kleine Gesten ausführte, sich offenbar etwas einprägte. Was er gerade machte, verstand ich erst später.

Alexander Held und seine Ehrung: Vorbereitung bis zur letzten Sekunde

Wenige Minuten danach wurde es klar: Held bekam an diesem Abend den Preis als „Coolster Kommissar 2019“ – für seine Rolle als Ludwig Schaller in der ZDF-Reihe „München Mord“. Die Krimifans Deutschlands hatten ihn online dazu gewählt. Bei den Damen siegte „Tatort“-Star Florence Kasumba.

Was ich also beobachtet hatte, war kein Kauz, der vor sich hin redet. Es war ein Schauspieler, der sogar seine Dankesrede für eine Publikumswahl noch einmal durchging. Mitten im Blitzlichtgewitter, mitten in einer Riesengala, an der Außenalster. Wer einen Bruchteil dessen kennt, was so eine Veranstaltung an Trubel mit sich bringt, der weiß: Das war nicht selbstverständlich. Das war Haltung. Und ich dachte mir: „Das sagt so viel über ihn aus“.

Alexander Held als Schauspieler: Warum seine Rollen so glaubwürdig waren

Plötzlich ergab vieles einen Sinn. Wer so akribisch arbeitet, wer noch an einer Danksagung feilt, der hat auch jede seiner Rollen so durchdacht. Held verkörperte den spröden, loyalen Kriminalhauptkommissar Karl Hidde in „Stralsund“ und ab 2014 den unkonventionellen, intuitiven Ludwig Schaller in „München Mord“. Zwei Männer wie Tag und Nacht – und beide nahm man ihm zu hundert Prozent ab.

Auch international war Held ein Begriff: als Walther Hewel in „Der Untergang“ (2004), als Robert Mohr in „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (2005), als Generalbundesanwalt Siegfried Buback in „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008). Historische Figuren, schwere Stoffe. Wer ihn 2019 in Hamburg in sich versunken murmeln sah, der versteht jetzt, woher diese Glaubwürdigkeit kam.

Alexander Held privat: Ein Mann, der schon viel verloren hatte

Hinter der Konzentration des Profis stand ein Mensch, der Schicksalsschläge kannte. 2005 heiratete Held die Schauspielerin Patricia Gräfin Fugger von Babenhausen. Neun Jahre später, 2014, starb sie mit nur 51 Jahren. Ein Verlust, von dem sich Held nie ganz erholte. Seinen Vater, den Schauspieler José Held, hatte er bereits 1974 verloren – da war Alexander gerade einmal 15 Jahre alt.

Vielleicht erklärt das auch jenen melancholischen, hintergründigen Blick, den Frank Zervos, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm, in seinem Nachruf so treffend beschrieben hat. Ein Blick, der jeder Rolle eine philosophische Note gab: „Wenn ich an Alexander Held denke, dann denke ich an seinen hintergründigen, melancholischen Blick, der seinem Spiel eine philosophische Note gab und an seinen feinen Humor, mit dem er seine Rollen ausstattete“, schrieb er laut zdfheute.de.

Alexander Held: Warum er dem deutschen Fernsehen fehlen wird

Mit Alexander Held verliert das deutsche Fernsehen einen seiner zuverlässigsten, ernsthaftesten Charakterdarsteller. Einen, der nicht laut war, nicht eitel auftrat, der seine Arbeit machte – mit jener stillen Akribie, die ich an jenem Hamburger Abend zufällig sehen durfte. Wer so an einer 60-Sekunden-Danksagung feilt, hat jede Sekunde Bildschirmzeit verdient, die er bekommen hat.

Und vielleicht ist es genau dieses Bild, das bleibt: nicht der Mann auf der Bühne mit der Trophäe in der Hand, sondern der Mann ein paar Meter daneben, der noch einmal die Worte sortiert. Im Fernsehen wird eine Stimme fehlen, die man so schnell nicht ersetzen kann.