Es war kurz vor Mitternacht in der Wiener Stadthalle, als die letzten Punkte verkündet wurden. Sarah Engels stand auf der Bühne, lächelte tapfer in die Kamera, atmete einmal tief durch. Der Traum vom großen Erfolg war geplatzt. „Fire", das mit Hochspannung erwartete deutsche ESC-Lied 2026, fand bei der internationalen Jury und beim Televoting nicht den Anklang, den sich Deutschland erhofft hatte. Doch was Sarah Engels in den Minuten nach dem Ergebnis sagte, gehört zu den schönsten Momenten dieses Abends.
Sarah Engels und die Souveränität in der Niederlage
„Für Deutschland beim weltweit größten Musikwettbewerb zu singen, ist eine Ehre – ganz unabhängig davon, wie am Ende die Platzierungen ausfallen", erklärte Sarah Engels nach dem Finale gegenüber dem Südwestrundfunk. Sie und ihr Team hätten „alles gegeben". Dann fügte sie einen Satz hinzu, der die Kämpferin in ihr zeigt: „Ich glaube, das ist kein Geheimnis, dass es Deutschland generell sehr, sehr schwer hat beim Eurovision."
Keine Tränen, keine Schuldzuweisungen, keine Drama-Show. Nur eine 33-jährige Mutter aus Köln, die mit den Worten reagiert: „Ich durfte einfach vor 180 Millionen Menschen singen und performen." Genau diese Haltung macht den Unterschied. Wer kennt schon Druck wie Sarah Engels?
Sarah Engels und der lange, harte Weg
Geboren am 15. Oktober 1992 in Köln, aufgewachsen mit sizilianischen Wurzeln im benachbarten Hürth, hat Sarah Engels nicht zum ersten Mal eine bittere Niederlage einstecken müssen. Zweimal flog sie in den frühen Jahren von „Deutschland sucht den Superstar" wegen Textproblemen aus dem Recall. 2011, im dritten Anlauf, schaffte sie es bis ins Finale – und musste sich knapp Pietro Lombardi geschlagen geben.
Wenig später folgte die wohl härteste Bewährungsprobe ihres Lebens. Am 19. Juni 2015 kam Sohn Alessio mit einem Herzfehler zur Welt und musste sich kurz nach der Geburt einer Not-OP unterziehen. Sarah Engels stellte ihre Karriere zurück. Heute ist Alessio kerngesund. Was viele nicht wissen: Diese Erfahrung hat die Kölnerin geprägt wie keine andere. Wer einmal als junge Mutter im Krankenhausflur gesessen hat und um sein Baby gebetet hat, dem nimmt ein verlorener Eurovision-Abend nicht die Sprache.
Sarah Engels und das Glück, das zurückgekommen ist
Nach der medienwirksamen Trennung von Pietro Lombardi im Oktober 2016 und der Scheidung 2019 war Sarah Engels jahrelang öffentlich Zielscheibe. Beschimpfungen in sozialen Medien, Morddrohungen, Schlagzeilen, in denen es um alles ging, nur nicht um ihre Stimme. Doch sie kämpfte sich zurück. 2019 lernte sie den ehemaligen Fußballprofi Julian Büscher kennen. Im Mai 2021 heirateten die beiden im engsten Kreis in Neckarsteinach bei Heidelberg. Julian nahm ihren Mädchennamen an.
Im Dezember 2021 kam Tochter Solea Liana zur Welt. Heute lebt die Familie zurückgezogen in Köln. Aus „Sarah Lombardi" wurde wieder „Sarah Engels". Aus der DSDS-Kandidatin wurde eine Sängerin, die für Empowerment steht und die im August 2025 ihr Album „Strong Girls Club" veröffentlichte – passend zu jenem Wunsch, kein Skandal-Sternchen mehr zu sein, sondern Künstlerin.
Sarah Engels und das, was nach dem 23. Platz bleibt
Im Februar 2026 gewann Sarah Engels den deutschen Vorentscheid. „Der ESC ist die größte Chance meiner Karriere", sagte sie im Vorfeld. Nun ist diese Chance vorbei. 12 Punkte, Platz 23, ein dünnes Ergebnis für ein Land, das den Eurovision Song Contest einst dominierte. Doch Sarah Engels hat in dieser Niederlage etwas geschafft, was selten zu sehen ist im Showgeschäft: Sie hat die richtige Größe gezeigt. Sie hat nicht geweint, nicht geschimpft, nicht beleidigt. Sie hat sich bedankt. Bei ihrem Team, bei ihrem Publikum, bei Deutschland.
Wer ihre Lebensgeschichte kennt, versteht warum. Wer schon einmal sein Baby auf der Intensivstation hatte, wer mit 20 schon Mutter wurde, wer öffentlich für Untreue an den Pranger gestellt wurde und sich trotzdem wieder hochgekämpft hat, der lässt sich von zwölf Punkten nicht brechen. Vielleicht ist genau das der wahre Sieg dieses Abends. Sarah Engels hat in Wien nicht das ESC-Trophäe gewonnen. Aber sie hat eine Menge Herzen gewonnen.