Wer an Joe Cocker denkt, sieht den röhrenden Rocker auf der Bühne von Woodstock, die zuckenden Hände, die Luftgitarre, die unverwechselbare, raue Stimme. Doch die wichtigste Geschichte seines Lebens hat sich nicht im Scheinwerferlicht abgespielt – sondern auf einer Ranch in Kalifornien. Und sie beginnt mit einer Frau, die ihn aus dem Abgrund holte, als alle anderen ihn bereits aufgegeben hatten.
Joe Cocker und Pam Baker: Die ungewöhnliche erste Begegnung
1978 war Joe Cocker am Boden. Die wilden 70er hatten ihn gezeichnet, Alkohol und Drogen hatten seine Karriere ruiniert, eine 13 Jahre lange Beziehung zu seiner Jugendliebe Eileen Webster war 1976 zerbrochen. Cocker zog sich in die USA zurück und mietete sich auf einer Ranch in Santa Barbara ein, die Jane Fonda gehörte.
Genau hier lebte auch Pam Baker, eine Erzieherin, die ein Sommercamp für Kinder leitete. Und Pam war Joe-Cocker-Fan. Als sie erfuhr, dass ihr Idol in der Gegend war, soll sie Jane Fonda überredet haben, dem Sänger das Haus zu überlassen. So lernten sich die beiden kennen – die Frau, die seine Musik liebte, und der Mann, der gerade nicht mehr an sich selbst glaubte.
Joe Cocker: Wie Pam Baker ihn aus der Sucht holte
„Pam hat mir geholfen, mich selbst wiederzufinden", sagte Cocker später über die Frau, die zu seinem Anker wurde. Sie habe ihn dazu gebracht, wieder positiv zu denken. Er sei sehr unten gewesen. Sie habe ihn glauben lassen, dass Menschen ihn immer noch singen hören wollten.
Was folgte, war eine der stillsten, größten Liebesgeschichten der Rockmusik. Neun Jahre lang waren sie ein Paar, dann, am 11. Oktober 1987, heirateten sie. Aus dem Wrack wurde wieder ein Künstler – „Unchain My Heart" stürmte 1987 die deutschen Charts, der Erfolg kehrte zurück. Pam war dabei nicht die laute Managerin im Hintergrund, sondern die ruhige Konstante, die ihm half, das Trinken irgendwann ganz sein zu lassen.
Joe Cocker und die Mad Dog Ranch: Ein Leben fernab des Rampenlichts
1992 kauften die beiden ein riesiges Grundstück in Crawford, Colorado, auf rund 2000 Metern Höhe, und ließen ein über 4000 Quadratmeter großes Landhaus im englischen Stil errichten. Sie nannten den Ort „Mad Dog Ranch" – nach Cockers legendärem Album „Mad Dogs & Englishmen". Pam eröffnete eine Eisdiele und ein Café im Dorf. Joe züchtete Tomaten im Gewächshaus, weil Bürgermeister kleinerer Orte ihm bei Konzerten immer wieder Samen geschenkt hatten.
1999 gründeten die beiden gemeinsam die „Cocker Kids' Foundation", eine Stiftung, die Sport-, Schul- und Kulturprojekte für Kinder in ihrer Region unterstützt. Es war Pams Welt – die Kinder, die Gemeinschaft, das einfache Leben –, die zu Joes Welt wurde. Ein Rockstar, der lieber Snooker spielte und seinen Tee aus England importieren ließ.
Joe Cocker: Bis zum Ende an ihrer Seite
27 Jahre waren Joe und Pam verheiratet, als der Krebs kam. Am 22. Dezember 2014 starb Joe Cocker auf seiner Ranch in Crawford, an Lungenkrebs, mit nur 70 Jahren. Pam war bis zum letzten Tag bei ihm. Kinder hatten die beiden keine, aber Cocker liebte Pams Tochter Zoey aus erster Beziehung wie sein eigenes Kind.
Heute, mehr als zehn Jahre nach seinem Tod, lebt Pam weiter auf der Ranch in Colorado. Allein, aber mit dem Wissen, etwas geschafft zu haben, das nur wenige Frauen von sich behaupten können: Sie hat einen Mann gerettet, der sich selbst nicht mehr retten wollte. Und der ihr dafür den schönsten Liebesbeweis hinterließ, den ein Musiker geben kann – eine zweite Karriere, gebaut auf ihrer Liebe.
Wer heute „You Are So Beautiful" hört, weiß jetzt vielleicht, wer wirklich gemeint war.