Gerd Rubenbauer feiert am 20. Mai 2026 seinen 78. Geburtstag – und dürfte ihn ruhig in seinem oberbayerischen Habach begehen, wo er seit Jahren zurückgezogen lebt. Wer auf sein Leben schaut, sieht eine Karriere, die so unwahrscheinlich begann wie sie groß wurde: Ein Diplom-Chemiker, der erst mit 30 zum Mikrofon griff – und am Ende zur Stimme einer ganzen Fußballnation wurde.
Gerd Rubenbauer und der WM-Titel 1990: Der Moment, den jeder kennt
Rom, Olympiastadion. Deutschland gegen Argentinien. 85. Minute, noch 0:0. Brehme nimmt Anlauf, schießt – und Rubenbauer, an der Seite von Karl-Heinz Rummenigge, brüllt ins Mikrofon, dass das Land vor den Fernsehern mitsprang: „Jaaa! Tor für Deutschland! 1:0 durch Andreas Brehme. Alles wie gehabt! Mit rechts flach ins linke Eck. Goycochea wusste alles – nur halten konnte er ihn nicht."
Es war der dritte WM-Titel für Deutschland – und einer der letzten ganz großen kollektiven Glücksmomente vor dem Mauerfall-Sommer. Wer damals dabei war, weiß noch, wo er saß, mit wem er feierte, wie laut die Straßen waren. Und Rubenbauers Stimme war der Soundtrack dazu. Was viele nicht wissen: Es war erst Rubenbauers zweite WM als TV-Hauptkommentator. 1986 in Mexiko hatte er noch im Schatten der ARD-Routiniers gestanden.
Gerd Rubenbauer und sein ungewöhnlicher Weg: Vom Reagenzglas zum Mikrofon
Die wahre Pointe seiner Karriere: Eigentlich war Rubenbauer Wissenschaftler. 1948 in München-Nymphenburg geboren, machte er 1967 sein Abitur am Klenze-Gymnasium und studierte danach Chemie. Als Diplom-Chemiker arbeitete er an der Technischen Universität München und als Assistent bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ein bayerischer Naturwissenschaftler, gradlinig, akademisch.
Erst 1978, mit 30 Jahren, entdeckte Rubenbauer seine zweite Berufung. Beim Bayerischen Rundfunk begann er als Radio-Fußballreporter für die Sendung „Heute im Stadion" – zunächst nur Zweite Liga. Doch sein Talent fiel auf. Zwei Jahre später, 1980, wechselte er zum Fernsehen und war direkt bei den Olympischen Sommerspielen in Moskau dabei. Es war sein Schlüsselerlebnis: „Es hat mich so fasziniert und überwältigt", erinnerte er sich später. „Von da an wusste ich, dass ich beruflich dieser Sportart treu bleiben wollte."
Gerd Rubenbauer und der Streit, der seine Karriere beendete
Doch jede Legende hat auch ihre bittere Seite. Am 15. März 2006, kurz vor der Heim-WM in Deutschland, war Schluss. Rubenbauer beendete seine Karriere als ARD-Fußballkommentator nach einem heftigen Konflikt mit Sportkoordinator Heribert Faßbender. Er warf Faßbender vor, ihn nicht rechtzeitig über die WM-Reportereinsätze informiert zu haben. Reinhold Beckmann, Steffen Simon und Gerd Gottlob übernahmen.
Eine bittere Pointe für den Mann, der Deutschland 1990 zum Titel gejubelt hatte. Doch Rubenbauer blieb dem Sport treu – nur eben anders. Bei Ski- und Leichtathletikveranstaltungen kommentierte er weiter, unterstützte 2007 Ricco Groß beim Einstieg als Biathlon-Experte. Bis 2008 war er Gastgeber von „Blickpunkt Sport" im Bayerischen Fernsehen.
Gerd Rubenbauer heute: Zurückgezogen, geehrt, unvergessen
Heute lebt der einstige Star-Reporter im oberbayerischen Habach, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Weilheim-Schongau. Er arbeitet weiter als freier Mitarbeiter für den BR, zeigt sich aber selten in der Öffentlichkeit. 2019 wurde ihm der Deutsche Sportjournalistenpreis für sein Lebenswerk verliehen. 2025 dann die wohl schönste Würdigung: Der Bayerische Verdienstorden – Bayerns höchste Auszeichnung.
Was bleibt von einem Mann, der sechs Jahrzehnte Sportgeschichte erzählte? Vielleicht ist es genau dieser eine, ikonische Moment. Heute, an seinem 78. Geburtstag, dürfte irgendwo in Deutschland wieder einer das Video aus Rom anklicken, hochdrehen, mitschreien. Und genau das ist Rubenbauers eigentlicher Verdienst: Er gab Millionen Menschen die Stimme zu ihrem schönsten Sport-Moment.