Wer das Radio fürher aufdrehte, kam an ihr nicht vorbei. „Du musst mit den Wimpern klimpern", „Lieber mal weinen im Glück" – Renate Kern war die Stimme der trostspendenden Lieder, die Frau mit dem warmen Timbre, das Mut machte.
Hinter der fröhlichen Bühnenfigur aber kämpfte eine sensible Künstlerin gegen die Rolle, in die man sie gepresst hatte. Geboren am 23. Januar 1945 als Renate Poggensee in der hessischen Rhön, wollte sie eigentlich Lehrerin werden. Doch James Lasts Bruder Werner entdeckte ihre tiefe Stimme, die Plattenfirma machte aus ihr „Renate Kern" – kernig, marktgängig, Schlager.
Renate Kern wollte die deutsche Piaf werden – sie durfte nicht
Was kaum jemand weiß: Renate Kern wollte etwas ganz anderes singen. Ihr Traum waren Chansons, ernste Lieder „wie die Piaf" – tiefgründig, anspruchsvoll. Doch Schlagerlegende Dieter Thomas Heck berichtete später, ihr Wunsch sei abgewiesen worden. Man habe schließlich schon Mireille Mathieu, hieß es, und brauche Kern eben als optimistische Wimpernklimper-Sängerin. Diese Diskrepanz hat sie nie verwunden.
In ihr Tagebuch schrieb sie über ihr Eigenheim in Niedersachsen: „Das Haus ist für mich eine Art Festung, in der ich mich verkriechen kann." Mitte der 70er brach die Karriere ein, in den 80ern geriet sie an eine streng organisierte Sekte – Gerüchten zufolge Scientology. Ihr Mann stellte sie vor die Wahl. Sie entschied sich für die Ehe. Loslassen konnte sie trotzdem nicht.
Renate Kern und Helene Fischer: Die kuriose Verbindung über drei Generationen
Und genau hier kommt die erstaunliche Wendung. Zu Renate Kerns treuesten Fans der 70er- und 80er-Jahre gehörte ein junger Mann namens Uwe Kanthak. Aus der Fan-Beziehung wurde Freundschaft – und Renate Kern verschaffte ihm seine ersten Kontakte ins Showgeschäft. Heute ist Uwe Kanthak der Mann, der seit 2004 Helene Fischers Karriere managt, ihr Mastermind im Hintergrund, einer der einflussreichsten Macher der deutschen Schlagerwelt.
Auch Kristina Bach, die spätere Ehefrau Kanthaks und Komponistin von „Atemlos durch die Nacht", baute sich ein zweites Standbein als Songwriterin auf. Ohne diese stille, verzweifelte Frau aus der niedersächsischen Provinz würde der deutsche Schlager heute vielleicht also ganz anders klingen.
Renate Kerns letzter Weg: Ein Wort auf der Todesanzeige
Kurz vor ihrem Tod war sie aus einer psychiatrischen Klinik entlassen worden. Ihre letzte Tournee führte sie auf ein Fährschiff zwischen Helsinki und Stockholm, vor müden Kreuzfahrtgästen, mit einer bulgarischen Tanzband im Rücken. „Die Arbeit ist gut. Erfolg ist auch sehr gut, und man hat absolut nichts auszustehen", notierte sie kurz vorher.
Wenige Wochen später, am 18. Februar 1991, fand man sie tot. Auf ihrer Todesanzeige stand nur ein einziges Wort: „Warum?". Eine Antwort, sagen Freunde bis heute, gibt es nicht. Wer „Lieber mal weinen im Glück" jemals mitgesungen hat, sollte wissen: Hinter dieser Stimme stand eine Frau, die das Glück zeitlebens gesucht – und nie gefunden hat.