„La Rossa" – die Rote. So nannten die Italiener ihre Lieblingssängerin, nicht nur wegen ihrer unverwechselbaren Haarfarbe, sondern auch wegen ihrer sozialistischen Gesinnung. Wäre sie heute noch am Leben, würde Milva im Juli ihren 87. Geburtstag feiern. Stattdessen ist ihr Grab auf dem Friedhof von Blevio am Comer See für ihre Fans zu einem stillen Pilgerort geworden.
Aus "Sabrina" wird eine gefeierte Diva names "Milva"
Ihre Geschichte ist der Stoff, aus dem italienische Legenden gemacht werden. Am 17. Juli 1939 kam Maria Ilva Biolcati in Goro zur Welt, einem 4000-Seelen-Ort in der Po-Ebene. Ihr Vater, ein Fischhändler, hatte sein Vermögen verspekuliert. Die kleine Ilva wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Als Älteste von drei Kindern musste sie früh Geld für die Familie verdienen.
Ihre Stimme war ihr Kapital. Schon als Jugendliche trat sie in Nachtclubs auf – damals noch unter dem Künstlernamen „Sabrina", mit kurzen schwarzen Haaren. 1959 dann der erste große Moment: Milva gewann einen Talentwettbewerb der italienischen Rundfunkanstalt RAI und bekam ein Stipendium für eine Gesangs- und Schauspielausbildung. 1960 folgte der erste Plattenvertrag, 1961 der Durchbruch: Beim Sanremo-Festival tanzte sie sich auf Platz drei – und war über Nacht ein Star.
Milva und Deutschland: Eine Liebe, die zur zweiten Heimat wurde
Während Italien „La Pantera di Goro" feierte – den Panther von Goro – verliebte sich Milva selbst in ein anderes Land: Deutschland. „Deutsch ist mittlerweile meine zweite Muttersprache geworden, obwohl ich es nicht beherrsche", sagte sie einmal augenzwinkernd.
Deutsche Fans liebten sie zurück – und wie. 1978 eroberte Milva mit dem Album „Von Tag zu Tag" die deutschen Charts. Die Platte mit Musik von Mikis Theodorakis stieg bis auf Platz sieben, die Single „Zusammenleben" wurde zum Hit. Plötzlich kannte jede deutsche Hausfrau die rauchige, dramatische Alt-Stimme der rothaarigen Italienerin.
Doch Milva konnte mehr als Schlager. Sie sang in acht Sprachen: Italienisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Griechisch, Portugiesisch und Japanisch. Sie interpretierte Bertolt Brecht und Kurt Weill mit einer Intensität, die selbst Muttersprachler zum Staunen brachte.
Sie tanzte Tango mit Astor Piazzolla. Sie stand in der Mailänder Scala, im Pariser Olympia und in der Deutschen Oper Berlin auf der Bühne.
Milva: Der Preis der großen Stimme
Was kaum jemand wusste: Hinter dem strahlenden Lächeln verbarg sich ein harter Kampf. Weil Milva nie eine vollständige Gesangsausbildung bekommen hatte und ihre Stimme jahrzehntelang bis ans Limit forderte, musste sie fast zehn Mal an den Stimmbändern operiert werden. Immer wieder stand sie trotzdem auf der Bühne, immer wieder sang sie weiter.
Und privat? Privat war das Glück Milva weniger hold als auf der Bühne. Ihre einzige Ehe mit ihrem Manager Maurizio Corgnati, geschlossen 1961, hielt gerade einmal zehn Jahre. Aus der Verbindung ging 1963 ihre Tochter Martina hervor, die heute als angesehene Kunstkritikerin arbeitet.
Spätere Partner verließen Milva, einer nahm sich das Leben. Immer wieder litt die Sängerin darunter. Doch auf der Bühne blühte sie auf, dort fand sie ihren Platz. „Das Theater wurde zu meiner großen Leidenschaft", sagte sie rückblickend über ihre Zusammenarbeit mit dem legendären Regisseur Giorgio Strehler am Piccolo Teatro in Mailand.
Milvas Rekord: 15 Mal Sanremo, nie gewonnen
Eine kuriose Fußnote in Milvas Biografie: Zwischen 1961 und 2007 trat sie 15 Mal beim berühmten Sanremo-Festival auf – und gewann nie. Bis heute hält sie damit den Rekord für die meisten Teilnahmen ohne Sieg. Ihr bestes Ergebnis: Platz zwei im Jahr 1962 mit „Tango italiano".
Dafür häuften sich die Ehrungen abseits der Charts. Milva wurde Ritterin der französischen Ehrenlegion, erhielt das Bundesverdienstkreuz I. Klasse der Bundesrepublik Deutschland und wurde mehrfach von Italiens Präsidenten ausgezeichnet. Selbst Wim Wenders besetzte sie 1987 in seinem Meisterwerk „Der Himmel über Berlin".
Milva: Der stille Abschied
2010 zog sich Milva aus gesundheitlichen Gründen von der Bühne zurück. Die Frau, die Jahrzehnte lang Säle zum Beben gebracht hatte, wurde still. Ihre letzten Jahre verbrachte sie zurückgezogen in ihrer geliebten Wahlheimat Mailand. Am Abend des 23. April 2021, verließ Milva die Bühne für immer. Ihre Tochter Martina verkündete den traurigen Abschied.
Nach einer bewegenden Trauerfeier im Mailänder Piccolo Teatro Strehler – dem Ort, an dem sie so oft als Seeräuberjenny brilliert hatte – wurde „La Rossa" auf dem Friedhof von Blevio am Comer See beigesetzt. Ein letzter Blick auf jenes Italien, das sie zur Diva gemacht hatte.
Fünf Jahre später sind ihre Lieder lebendiger denn je. Auf Spotify, auf YouTube, auf alten Schallplatten in Millionen Wohnzimmern. Und wann immer jemand „Zusammenleben" oder „Hurra, wir leben noch" hört, ist sie wieder da: die rauchige Stimme, das feuerrote Haar, die unglaubliche Intensität.