Wer die Kurzvideo-Plattform TikTok für ein reines App-Phänomen hält, unterschätzt die wirtschaftliche Reichweite ihrer Werbetechnologie. Recherchen internationaler Medien zeigen, dass ein sogenanntes Tracking-Pixel auf zahlreichen Webseiten eingebunden ist und Informationen über Besucher sammelt – selbst wenn diese nie einen TikTok-Account angelegt oder die Anwendung installiert haben.

Laut Bild geht es dabei nicht nur um klassische Marketingdaten wie Produktinteressen, sondern um potenziell hochsensible Angaben, etwa zu Krebs, Fruchtbarkeit oder psychischen Krisen. Diese Informationen können an Werbenetzwerke fließen und dort für Zielgruppenprofile genutzt werden.

Tracking-Pixel: Unsichtbarer Code auf tausenden Webseiten

Im Kern handelt es sich beim Pixel um einen winzigen Code-Schnipsel, der beim Aufruf einer Seite im Hintergrund geladen wird. Er erfasst unter anderem, welche Unterseiten besucht, welche Buttons geklickt und welche Inhalte angesehen wurden. Derartige Messpunkte gehören seit Jahren zum Standard-Repertoire im Online-Marketing; auch Google und der Facebook-Konzern verwenden ähnliche Technologien.

Laut oe24.at ist der brisante Punkt, dass der Code plattformunabhängig arbeitet: Er benötigt weder Login noch installierte App, um Nutzeraktivitäten erfassen zu können. Dadurch entstehen umfangreiche Datenspuren quer über verschiedene Webseiten, die wirtschaftlich für personalisierte Werbung verwertet werden.

Gesundheitsrecherchen als Werbe-Datenquelle

Kritisch wird das System dort, wo besonders intime Themen betroffen sind. Nach den vorliegenden Berichten können Aufrufe von Seiten zu schweren Erkrankungen, Kinderwunsch oder seelischen Ausnahmesituationen in Tracking-Datenbanken landen. Aus wirtschaftlicher Sicht erhöhen solche Profile den Wert für Werbekunden, etwa für Pharmaunternehmen, Versicherer oder Coaching-Anbieter.

Verbraucherschützer sehen darin ein erhebliches Risiko: Wer etwa Informationen zu einer Krebsdiagnose recherchiert, könnte später mit darauf zugeschnittenen Anzeigen konfrontiert werden – ohne jemals bewusst zugestimmt zu haben. Die Grenze zwischen legitimer Reichweitenmessung und heimlicher Gesundheitsanalyse verschwimmt.

Plattform verweist auf Regeln, Betreiber tragen Haftung

Der Konzern selbst verweist darauf, transparent über Datennutzung zu informieren und sensible Angaben nach eigenen Richtlinien nicht zu verarbeiten. Webseitenbetreiber seien dafür verantwortlich, welche Informationen durch ihre Einbindung des Pixels weitergegeben werden. Damit verlagert das Unternehmen rechtliche und wirtschaftliche Verantwortung an die Publisher, die häufig auf Werbeeinnahmen angewiesen sind.

In der Praxis stehen viele Seitenbetreiber vor einem Zielkonflikt: Einerseits sollen Vermarktung und Reichweitenmessung funktionieren, andererseits fordert die europäische Datenschutzgrundverordnung eine klare Einwilligung für die Verarbeitung personenbezogener Daten – insbesondere im Gesundheitsbereich.

So reduzieren Nutzer Datenspuren im Alltag

Verbraucher können die Erfassung nicht vollständig verhindern, aber deutlich einschränken. IT-Sicherheitsexperten empfehlen Browser mit integriertem Tracking-Schutz wie Brave oder DuckDuckGo, die zahlreiche Werbe- und Analysepixel standardmäßig blockieren. Zusätzliche Erweiterungen wie Privacy Badger oder Ghostery analysieren Netzwerkaufrufe und unterbinden verdächtige Tracker in Echtzeit.

Eine weitere Option ist, im Browser „Do Not Track“ zu aktivieren und regelmäßig Cookies sowie Website-Daten zu löschen, auch wenn sich viele Werbesysteme davon nicht vollständig stoppen lassen.

Für besonders sensible Recherchen – etwa zu Diagnosen oder Therapien – raten Fachleute dazu, private Fenster zu nutzen und sich nicht gleichzeitig bei anderen Diensten anzumelden, um Querverknüpfungen zu erschweren.