Vorab zur Klarstellung: Ich finde die Grundidee von Social Media grundsätzlich großartig. Menschen verbinden, Erfahrungen teilen, gemeinsam lachen und diskutieren – das ist die ursprüngliche Idee, und die ist es wert, verteidigt zu werden. Aber was daraus geworden ist, macht mir als jemand, der die Entwicklung lange beobachtet und digitale Medien seit über 25 Jahren begleitet, echte Sorgen.
Und ein Altersverbot allein wird das nicht lösen. Wir brauchen drei wesentliche Schritte mehr.
Schritt eins: Social Media ist wie Zucker – zu viel macht krank
Man stelle sich vor, man gibt seinem Kind täglich literweise Limonade. Ein bisschen davon? Kein Problem. Unkontrolliert, jeden Tag, stundenlang? Das macht krank – und das wissen wir alle. Mit Social Media ist es genauso. Im schlimmsten Fall wirkt es sogar wie eine richtige Droge: Das Gehirn bekommt immer wieder kleine Glücksgefühle – genau so sind diese Apps gebaut.
Deshalb ist ein Mindestalter richtig. Aber genauso brauchen wir klare Nutzungsempfehlungen und Regel für uns alle: Wie viel ist okay, ab wann wird es ungesund? Das kennen wir von Alkohol und Zucker – warum nicht auch hier?
Schritt zwei: Aufklärung – bei den Kindern, aber auch bei uns
Hand aufs Herz: Wer weiß wirklich, warum sein Kind nicht aufhören kann zu scrollen? Diese Apps sind von Experten so gebaut, dass man immer weitermacht. Das ist kein Zufall, das ist Absicht. Kinder und Jugendliche müssen Social Media Effekte verstehen – in der Schule, als echtes Unterrichtsfach.
Aber auch Eltern müssen ehrlich sein: Ein kurzer Austausch in der WhatsApp-Gruppe der Klasse oder ein Elternabend im Jahr reicht nicht. Und wenn man selbst beim Abendessen am Handy hängt, hat man das Gespräch mit seinen Kindern schon verloren, bevor es begonnen hat.
Schritt drei: Gleiche Regeln für alle – endlich
Hier ein Gedanke, der alles erklärt: Jede deutsche Zeitung, jeder TV-Sender und jeder Radiosender würde sofort abgeschaltet, wenn er die Inhalte zeigen oder ausstrahlen würde, die auf TikTok und Instagram täglich normal sind. Hasskommentare, gefährliche Diät-Tipps, verstörende Videos – alles für unsere Kinder frei zugänglich. Für traditionelle Medien gibt es klare Gesetze und Verantwortung.
Für Social-Media-Plattformen nicht – und das hat einen einfachen Grund: Die Aufmerksamkeit, die Daten über die Nutzer und die Möglichkeit, zu beeinflussen, sind für diese Konzerne unbezahlbar. Viel wertvoller als jede Werbeeinnahme. Denn sie bedeuten Wissen, Steuerung für unser Denken und letztlich Macht.
Das muss sich ändern. Plattformen müssen haften. Schädliche Inhalte müssen raus – bevor sie viral gehen, nicht danach. Und eine echte Alterskontrolle muss her, keine Checkbox, die jedes Kind in zehn Sekunden umgeht. Technisch alles machbar, wirtschaftlich nicht gewollt.
Was wir wirklich wollen
Wir wollen doch alle dasselbe: Dass unsere Kinder sicher aufwachsen, echte Freundschaften haben und das Beste aus der digitalen Welt mitnehmen – ohne die Schattenseiten. Das schaffen wir nur gemeinsam: Politik, Unternehmen und wir als Gesellschaft. Alle guten Dinge sind drei – und nur mit allen drei Schritten wird aus Social Media wieder das, was es ursprünglich einmal sein sollte.
Jeder ist gefragt. Wirklich jeder. Leben wir endlich vernünftig digital – und investieren wir mehr in echte Gemeinschaft für uns und unsere Kinder. On- und offline.
Alles andere ist politische Kosmetik – und nur Make-up für die laufende Legislaturperiode.