Im Jahr 2023 lag die durchschnittliche gesetzliche Jahresbruttorente in Deutschland bei 19.138 Euro, ein Ein-Personen-Haushalt über 60 kam jedoch auf Ausgaben von rund 28.663 Euro. Das ergibt eine Lücke von etwa 9500 Euro im Jahr. Die staatliche Zahlung deckt damit nur ungefähr zwei Drittel der Lebenshaltungskosten, der Rest muss über Ersparnisse, betriebliche oder private Vorsorge, familiäre Hilfe oder Hinzuverdienst kommen. Nach einer Auswertung des Dateninstituts DataPulse zählt die Bundesrepublik damit zu den „Defizitländern“ in Europa: Wer allein auf die gesetzliche Absicherung baut, kann seinen Grundbedarf rechnerisch nicht vollständig stemmen – und das bereits bei einem eher bescheidenen Lebensstil, meldet Focus.

26 von 30 Ländern mit Lücke zwischen Rente und Ausgaben

Die Untersuchung von DataPulse erfasst 30 europäische Staaten, darunter auch Beitrittskandidaten. In 26 Ländern übersteigen die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten die staatliche Altersversorgung deutlich. In Deutschland liegen die Ausgaben schätzungsweise um rund ein Drittel über den Renteneinnahmen, in Kroatien beträgt die Differenz etwa 40 Prozent. Etwas günstiger ist die Lage in Österreich, wo die Ausgaben im Schnitt nur um 17 Prozent höher liegen als die staatlichen Bezüge. Im EU-Durchschnitt ergibt sich ein Minus von etwa 20 Prozent. Die Vorstellung eines finanziell sorgenfreien Ruhestands allein auf Basis der gesetzlichen Kasse erweist sich in weiten Teilen Europas als Illusion.

Vier Überschussländer: Rumänien, Tschechien, Polen, Spanien

Nur vier der analysierten Staaten weisen rechnerisch einen Überschuss auf: Rumänien, Tschechien, Polen und Spanien. Dort deckt die staatliche Rente statistisch die durchschnittlichen Ausgaben älterer Menschen vollständig. In Rumänien liegt die Jahresrente zwar nur bei rund 5800 Euro, dennoch bleibt nach Abzug der Lebenshaltungskosten ein Plus von etwa 21 Prozent. Möglich macht das vor allem ein deutlich niedrigeres Preisniveau. In Spanien und Polen fällt der Puffer etwas kleiner aus, bleibt aber positiv. Entscheidend ist hier weniger ein besonders großzügiges Rentenniveau als die Struktur der Wohnsituation im Alter: In manchen dieser Länder leben 90 Prozent und mehr der Senioren im eigenen Zuhause und zahlen somit keine Miete mehr, meldet Focus.

Deutschland: Mittleres Rentenniveau, hohe Wohnkosten

Die hiesige Durchschnittsrente ordnet sich im europäischen Mittelfeld ein, doch die hohen Lebenshaltungskosten lassen den Betrag schrumpfen. Besonders relevant ist der Bereich Wohnen und Energie: Rund ein Drittel der Ausgaben älterer Haushalte entfällt darauf. Deutschland weist zudem einen ungewöhnlich hohen Anteil älterer Mieter auf – bei den über 60-Jährigen leben etwa 60 Prozent nicht im Eigentum. Steigende Mieten treffen Ruheständler daher unmittelbar. In Ländern wie Luxemburg liegt die Eigentümerquote der über 60-Jährigen bei über 70 Prozent, in Norwegen sogar über 80 Prozent. In Rumänien, Polen, Spanien und Tschechien sind es teils ebenfalls weit über 70 Prozent. Wer keine Miete zahlt, kommt mit geringeren Renten deutlich besser aus.

Norwegen-Modell: Staatliche Basis plus Betriebsrente

Norwegen zeigt, wie eine Kombination aus staatlicher Grundsicherung und betrieblicher Zusatzversorgung funktionieren kann. Axel West Pedersen, Professor am Institut für Sozialforschung in Oslo, beschreibt das System so: „Die vergleichsweise geringe Altersarmut in Norwegen hängt am großzügigen Mindestniveau der Renten. Gleichzeitig stellt der Staat nur die Basis bereit, der tatsächliche Lebensstandard im Alter ergibt sich aus dem Zusammenspiel mit betrieblichen Renten.“ Die deutsche Absicherung ist ebenfalls nie als alleinige Vollversorgung angelegt gewesen, dennoch verlassen sich viele Beschäftigte weiterhin fast ausschließlich auf die gesetzliche Komponente. Eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission soll die private und betriebliche Vorsorge stärken und die Rentenlücke im Alter verkleinern.