Die Diskussion um eine mögliche Rente mit 70 gewinnt an Schärfe. Nach einer Berechnung von Focus Online, über die chip.de berichtet, wäre der Jahrgang 1982 der erste, der regulär bis 70 arbeiten müsste – vorausgesetzt, die Politik setzt die bisherige Logik der stufenweisen Anhebung wie von 65 auf 67 Jahre fort. Für 1970 Geborene ergibt die Modellrechnung ein Rentenbeginn mit 68 Jahren im Jahr 2038, für den Jahrgang 1976 den Ruhestand mit 69 Jahren im Jahr 2045. Noch ist darüber nicht entschieden, doch das Beispiel zeigt, welche Folgen eine weitere Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters für verschiedene Altersgruppen hätte.

Jahrgänge 1970 bis 1982: Wer wie lange arbeiten müsste

Die bisherige Reform sieht vor, das Standardalter von 65 auf 67 Jahre zu erhöhen. Davon betroffen sind alle, die 1964 oder später geboren wurden. Nach der von Focus herangezogenen Fortschreibung würde der Jahrgang 1970 regulär mit 68 Jahren die Altersrente erreichen, der Jahrgang 1976 mit 69 Jahren. Ab 1982 wäre die Schwelle von 70 Jahren erreicht. Eine offizielle Festlegung existiert nicht, doch die Berechnung orientiert sich an der bekannten Staffelung der letzten Reform. Parallel tagt eine Rentenkommission unter Leitung der Sozialrechtsprofessorin Constanze Janda, die über künftige Anpassungen des Systems berät, einschließlich möglicher Änderungen beim Eintrittsalter.

Abschläge bei Frühruhestand: 0,3 Prozent pro Monat

Unabhängig von einer möglichen Rente mit 70 gilt schon heute: Wer vor dem regulären Rentenalter aufhört, muss dauerhafte Einbußen hinnehmen. Für jeden Monat vorzeitigem Rentenbeginn werden 0,3 Prozent der gesetzlichen Bezüge abgezogen. Ein Jahr früher bedeutet 3,6 Prozent weniger, zwei Jahre früher 7,2 Prozent, drei Jahre früher 10,8 Prozent. Bei einer monatlichen Bruttorente von 1.800 Euro sinkt der Zahlbetrag dauerhaft um mehr als 190 Euro. Wer weiterhin mit 65 oder auch mit 67 Jahren aufhören will, müsste diese Lücke durch private Vorsorge ausgleichen. In der EU werden daher Modelle einer zusätzlichen verpflichtenden kapitalgedeckten Absicherung diskutiert, berichten Online-Portale.

Durchschnittliches Rentenalter und aktuelle Reformschritte

Tatsächlich gehen viele Beschäftigte ohnehin vor dem offiziellen Regeltermin: 2024 lag das durchschnittliche tatsächliche Eintrittsalter in Deutschland bei 64,7 Jahren, nach 64,3 Jahren im Vorjahr, so Daten der Deutschen Rentenversicherung, auf die sich chip.de bezieht. Gleichzeitig haben Union und SPD das Rentenpaket 2025 beschlossen. Es umfasst unter anderem die Stabilisierung des Rentenniveaus, die Einführung der Aktivrente und die Mütterrente III. Bis Mitte 2026 soll eine Alterssicherungskommission weitere Vorschläge für eine Renten‑Reform erarbeiten. Medienberichten zufolge wurde dort auch über eine Anhebung auf 70 Jahre gesprochen, ein offizielles Ergebnis liegt jedoch nicht vor.

Experte Raffelhüschen dringt auf rasche Anhebung

Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hält ein höheres Rentenalter für überfällig. „Rente mit 70 ist längst überfällig“, so der Ökonom im Gespräch mit Focus, zitiert nach mainpost.de. Wäre das Zugangsalter bereits Anfang der 1990er-Jahre an die steigende Lebenserwartung gekoppelt worden, läge es heute bei rund 69 Jahren. In mehreren skandinavischen Staaten existiert ein solches Modell, bei dem das Rentenalter automatisch mit der Lebenserwartung steigt; laut einem Vergleich der Deutschen Welle nutzen inzwischen neun EU-Länder diesen Mechanismus. Raffelhüschen fordert eine zügige Erhöhung mindestens ab 2030, die Wiederbelebung des Nachhaltigkeitsfaktors sowie stärkere Abschläge bei frühem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben.