Lange galt die freie Wirtschaft für viele Berufsstarter als erste Wahl: höhere Gehälter, schnelle Karrieresprünge, internationale Chancen. Angesichts Konjunktursorgen und Stellenkürzungen rückt nun erneut die Frage nach stabilen Arbeitgebern in den Vordergrund. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft EY halten inzwischen fast 25 Prozent der Befragten den öffentlichen Sektor für besonders attraktiv – vor allem wegen der Jobsicherheit. Parallel dazu steigt der Wunsch nach Teilzeit und flexibleren Arbeitszeiten quer durch alle Altersgruppen, wie aktuelle Befragungen zeigen, während zugleich die Lust auf klassische Vollzeitkarrieren abnimmt.
5,3 Millionen Beschäftigte bei Bund, Ländern und Kommunen
Nach Daten des Statistischen Bundesamts beschäftigt der Staat inzwischen wieder rund 5,3 Millionen Menschen. Nach früheren Abbaurunden wurden neue Stellen vor allem in Bereichen wie Krankenhäusern, Kitas und Polizei geschaffen, ein gutes Drittel davon mit Beamten besetzt. Diese profitieren von Lebenszeitverbeamtung, verlässlicher Pension und klar geregelter Besoldung. Gleichzeitig liegen Spitzeneinkommen weiterhin häufiger in der Privatwirtschaft. Wenn öffentliche Haushalte sparen müssen, sind Spielräume für Besoldungsanpassungen begrenzt, da diese gesetzlich festgelegt werden und nicht direkt in Tarifrunden ausgehandelt werden, melden Arbeitsmarktexperten auf Basis der aktuellen Zahlen von wiwo.de.
Tarifrunde: 8 Prozent Entgeltplus und weniger Wochenstunden
Für rund zwei Millionen Tarifbeschäftigte von Bund und Kommunen starten Ende Januar neue Verhandlungen. Der Beamtenbund und Verdi verlangen ein Lohnplus von 8 Prozent, mindestens 350 Euro pro Monat bei 12 Monaten Laufzeit, dazu bessere Arbeitszeitmodelle. Kernpunkt ist ein „Mehr-Zeit-für-mich-Konto“, auf das Überstunden alternativ zum Geldzuschlag gutgeschrieben werden können. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) zeigte sich auf der dbb-Jahrestagung offen: „An ein paar Stellen sind wir sehr beieinander“, so die Ministerin. Für Bundesbeamte fordert der dbb parallel eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 41 auf 39 Stunden sowie Anpassungen bei der Besoldung.
Wunsch nach Sicherheit und Teilzeit wächst deutlich
Befragungen zeigen: 54 Prozent sehen im sicheren Arbeitsplatz den größten Vorteil einer Beschäftigung im öffentlichen Dienst, so eine Auswertung, auf die br.de verweist. Pension, Nettogehalt und planbare Arbeitszeiten folgen direkt dahinter. Ein Viertel der Teilnehmenden verbindet mit dem Staatsdienst weniger Stress als mit Jobs in Unternehmen. Gleichzeitig würden laut HDI-Studie 53 Prozent der Erwerbstätigen bei passenden Angeboten in Teilzeit wechseln, 2022 waren es noch 48 Prozent. Die Teilzeitquote liegt mit 40,1 Prozent auf Rekordniveau, rund 17 Millionen Erwerbstätige arbeiten nicht mehr voll. Besonders Beschäftigte unter 40 äußern einen starken Wunsch nach reduzierten Stunden.
Öffentlicher Dienst oder Privatwirtschaft: Was sich für wen lohnt
Die Entscheidung zwischen Verwaltung und Konzern hängt stark von Prioritäten ab. Staatliche Arbeitgeber punkten mit hoher Beschäftigungssicherheit, geregelten Arbeitszeiten, oft großzügigen Urlaubsregelungen und umfassender Altersvorsorge. Viele Bereiche wie Bildung, Sicherheit, Gesundheit oder Infrastruktur gelten zudem als langfristig stabil, was auch für Berufswechsler ab 45 attraktiv ist. In der Privatwirtschaft locken dagegen häufig höhere Gehälter, Bonusmodelle, schnellere Aufstiegschancen und internationale Einsatzmöglichkeiten. Leistung wird dort meist stärker individuell bewertet, was Karrieren beschleunigen, aber auch Druck erzeugen kann. Unabhängig vom Sektor wird lebenslange Weiterbildung immer wichtiger, um beruflich flexibel zu bleiben und den eigenen Marktwert zu sichern.