Fast sieben Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in einem Minijob, oft neben Studium, Familie oder Rente. Mit der geplanten Rentenreform rückt dieses Modell nun ins Zentrum einer politischen Auseinandersetzung. Die Koalition will Minijobs stärker mit Sozialbeiträgen belasten und die Pauschalsteuer von zwei auf fünf Prozent anheben. Für Beschäftigte und Betriebe geht es damit um eine doppelte Frage: Wird Arbeit künftig besser für die Rente abgesichert, oder sinkt der Anreiz für kleine Jobs im Alltag? Genau an diesem Konflikt entzündet sich derzeit die Debatte.

Martin Werding nennt Sorgen um Wegfall „weit überzeichnet"

Der Ökonom Martin Werding, Mitglied der Rentenkommission und einer der Wirtschaftsweisen, verteidigt die Abschaffung des bisherigen Modells. „In der öffentlichen Debatte werden die möglichen Folgen einer Abschaffung der Minijobs weit überzeichnet und Sorgen geschürt", so Martin Werding laut t-online.de. Sein Argument: Teilzeit mit wenigen Stunden bliebe weiter möglich, nur die Sonderregeln fielen weg. Zudem könnten Beschäftigte leichter mehr arbeiten, ohne an einer starren Verdienstgrenze hängen zu bleiben. Diese liegt derzeit bei 603 Euro. Wer heute darüber kommt, rutscht in die Sozialversicherungspflicht, was zusätzlichen Verdienst oft unattraktiv macht.

603-Euro-Grenze und kleine Renten bei vielen Frauen

Aus Sicht der Befürworter liegt genau dort das Problem. Werding verweist darauf, dass manche Minijobber ihre Arbeitszeit trotz höherer Möglichkeiten nicht ausweiten oder sie bei Lohnerhöhungen sogar senken, um unter der Grenze zu bleiben. Besonders relevant ist das für Frauen, die den Großteil dieser Jobs ausüben und oft nur geringe Rentenansprüche aufbauen. 2024 lag die durchschnittliche Rente von Frauen bei 961 Euro, bei Männern bei 1.372 Euro. Rund 30 Prozent der Frauen erhielten weniger als 600 Euro monatlich, weitere 29 Prozent zwischen 600 und 900 Euro. Kanzler Friedrich Merz sagte dazu, viele Frauen stünden im Alter „vor einem ziemlichen Scherbenhaufen„.

Wolfgang Kubicki warnt vor Folgen für sieben Millionen Menschen

Die Gegenseite hält den Preis der Reform für zu hoch. Nach Angaben auf fdp.de lehnt die FDP ein Minijob-Aus ab und warnt vor höheren Kosten für Beschäftigte und Unternehmen. Parteichef Wolfgang Kubicki formuliert es scharf: „Die drohende Abschaffung der Minijobs würde sieben Millionen Menschen treffen. Allein die Auswirkungen auf die Gastronomie und die Landwirtschaft würden dieses Land dramatisch verändern. Die Minijobs müssen bleiben – im Interesse der Wirtschaft und der Menschen." Vor allem Gastronomie, Einzelhandel, Landwirtschaft und Dienstleistungen seien auf flexible Modelle angewiesen. Steigende Abgaben könnten dort Jobs verteuern und Arbeitszeiten kürzen.

Regierung will im Herbst über das Gesamtpaket entscheiden

Für Verbraucher ist damit vor allem eines wichtig: Die Reform hätte Gewinner und Verlierer. Wer dauerhaft im Minijob bleibt, könnte künftig stärker in die Sozialversicherung einbezogen werden und damit mehr für das Alter aufbauen. Wer den Job vor allem wegen des Nettoverdiensts oder der einfachen Regeln nutzt, müsste mit Einbußen rechnen. Auch Betriebe müssten ihre Kalkulation anpassen. Politisch ist die Sache offen, weil Markus Söder den Erhalt des bisherigen Status verspricht, während die Rentenkommission die Änderung empfiehlt. Die Bundesregierung will im Herbst über die Minijobs im Rahmen des gesamten Rentenpakets entscheiden.