Viele Erwachsene erinnern sich an Kindheitstage mit Dauerfernsehen, Fertigpizza und Autofahrten ohne Kindersitz – und daran, wie Träume als „Spinnerei“ abgetan wurden. Erziehungsstile haben sich seit den 1970er-Jahren mehrfach gewandelt, von antiautoritär bis hin zu heutigen, stark sicherheitsorientierten Ansätzen.

Welche Folgen haben frühere Muster aus der Boomer-Generation für heutige Familien – und welche Ratschläge sind tatsächlich kindgerecht? Besonders kritisch sehen Fachleute eine typische Boomer-Haltung: Kinderträume vorschnell als unrealistisch abzuwerten, statt sie als wichtige Ressource zu nutzen.

Psychologin erklärt Boomer-Erziehung

Die Psychologin Astrid Deuchert warnt in einem Post auf Linkedin davor, Kinderwünsche mit Sätzen wie „Das schaffen nur wenige“ kleinzureden. Wer Träume als unrealistisch abstempelt, nehme Kindern Motivation und innere Antriebskraft.

Nach Deuchert hemmt ständiges Abraten die Ausschüttung von Dopamin: „Wenn wir Visionen kleinmachen, sinkt die dopaminerge Aktivität – die Energie, die Mut macht und vorwärtszieht. Stattdessen steigt Aktivität in der Amygdala: Vorsicht. Zweifel. Inhibition. Der Körper geht in 'Lieber nicht'.“

„Wir wollen schützen. Aber oft nehmen wir damit die größte Kraftquelle, die Kinder haben: ihre Vision. Ihren Lichtpfeil. Ihre Motivation“, so Deuchert. Für Eltern bedeutet das: Gut gemeinter Schutz vor Enttäuschung kann unbemerkt dazu führen, dass Kinder sich weniger zutrauen – mit Folgen für Schulwahl, Beruf und spätere finanzielle Selbstständigkeit.

Veränderte Alltagsrisiken: Von Zigarettenbesorgungen bis Sonnencreme

Der Blick zurück zeigt, wie stark sich Alltagsstandards verschoben haben. Es war nicht unüblich, dass Kinder zum Kiosk geschickt wurden, um Zigaretten zu holen – heute verbietet das Jugendschutzgesetz den Kauf von Tabakwaren unter 18 Jahren. Auch ständig laufender Fernseher, wenig Sonnenschutz oder Autofahrten ohne geeignete Rückhaltesysteme galten lange als normal.

Mittlerweile sind Kindersitze, UV-Schutzkleidung und klare Rauchverbote in Innenräumen etabliert; selbst an Bahnhöfen gibt es nur noch ausgewiesene Raucherbereiche. Früher waren Kinder dem Zigarettenqualm fast überall ganz ungehindert ausgeliefert.

Medien, Zucker, Fertigessen: Früher war nicht alles besser

Neben Sicherheitsfragen rücken gesundheitliche Aspekte stärker in den Fokus. Während frühere Generationen kaum auf Zuckermengen, Softdrinks oder Fertiggerichte achteten, warnen Fachgesellschaften inzwischen vor erhöhtem Risiko für Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen.

Hinzu kommt die Nutzung digitaler Medien: Anders als beim Fernseher früher geht es heute um Smartphones, Tablets und Streaming. Begrenzte Bildschirmzeiten, altersgerechte Inhalte und bildschirmfreie Zonen sind heute bei vielen Eltern ein absolutes Muss. Von einer Eingewöhnung in der Kita war damals ebenfalls noch keine Rede. Wo heute eine oft wochenlange akribische Beobachtung an der Tagesordnung steht, wurde es bei den Boomern nicht als allzu schlimm empfunden, wenn der Abschied von Mama und Papa unter Geschrei und Tränen geschah.