Die Debatte um den Rentenbeginn bekommt neuen Schub: Diskutiert wird, ob nicht das Alter, sondern allein die Zahl der Beitragsjahre maßgeblich sein sollte. Der Vorstoß dürfte auch die Rentenkommission beschäftigen, die im Sommer Ergebnisse vorlegen soll, wie br.de berichtet. Aktuell gilt für den Jahrgang 1964 die Regelaltersgrenze von 67 Jahren. Wer 45 Versicherungsjahre erreicht, kann bereits mit 65 ohne Abschläge aufhören. Bei 35 Versicherungsjahren ist ein früherer Ruhestand ab 63 möglich, dann aber mit dauerhaften Kürzungen von bis zu 14,4 Prozent.
Jahrgang 1964: 45 Jahre reichen nicht sofort
Für viele Beschäftigte ist genau das der Knackpunkt: 45 Jahre Erwerbsleben führen nicht automatisch direkt in den Ruhestand. Wer 1964 geboren wurde und seine 45 Jahre schon mit 62 voll hat, erhält die abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährig Versicherte trotzdem erst ab 65. Ein Start mit 63 wäre nur über die Altersrente für langjährig Versicherte möglich – mit 48 Monaten Vorziehung und damit 14,4 Prozent weniger Geld im Monat. Bei anerkannter Schwerbehinderung gelten günstigere Regeln: Dann sind mit 63 Jahren 7,2 Prozent Abschlag möglich, mit 62 Jahren 10,8 Prozent, so gegen-hartz.de.
Bärbel Bas nennt das Modell „grundsätzlich ganz gut„
Anhänger einer Kopplung an Beitragsjahre argumentieren mit Gerechtigkeit zwischen frühem Berufseinstieg und langem Studium. Arbeitsministerin Bärbel Bas unterstützt den Gedanken. „Wer früh einzahlt, kann dann auch früher gehen", so Bärbel Bas laut Focus. Rechenbeispiele machen die Spannweite sichtbar: Wer mit 16 eine Lehre beginnt, käme bei 45 Beitragsjahren bereits mit 61 auf die Schwelle. Bei einem Start mit 18 wären es rund 63 Jahre. Wer dagegen erst nach Studium oder Weiterbildung mit Ende 20 einsteigt, würde die Marke teils erst jenseits von 70 erreichen.
Michael Popp warnt vor „zusätzlicher Frühverrentungs-Option„
Kritik kommt vom Sozialverband VdK. Denn ein starres Modell würde nicht nur späte Berufseinsteiger treffen, sondern auch Menschen mit Brüchen im Erwerbsleben. „für die einen eine zusätzliche Frühverrentungs-Option geschaffen", so Michael Popp laut br.de. Gleichzeitig würden Personen benachteiligt, die wegen Krankheit, Pflege, Elternzeit oder eines zweiten Bildungswegs Ausfallzeiten haben. Besonders heikel ist das für Frauen, die häufiger in Teilzeit arbeiten oder Familienphasen übernehmen. Auch Hinterbliebenenrenten können durch frühere Kürzungen sinken, weil die Abschläge dauerhaft gelten.
937.000 neue Ruheständler im Jahr 2024
Die Debatte trifft auf ein System, das bereits stark genutzt wird. 2024 gingen rund 937.000 Menschen neu in den Ruhestand, fast 270.000 davon vorzeitig ohne Abschläge. Gut 28 Prozent akzeptierten Kürzungen. Ökonomen wie Enzo Weber und Marcel Fratzscher halten eine strikte Kopplung an Beitragsjahre deshalb für sozial problematisch. Sie verweisen darauf, dass Männer, Gutverdiener und Personen mit geraden Erwerbsbiografien eher profitieren könnten, während andere länger arbeiten müssten. Für Verbraucher zählt deshalb vor allem der Kassensturz: Renteninformation prüfen, Abschläge durchrechnen und Modelle wie Flexirente oder zusätzliche Vorsorge früh einplanen.