Viele Menschen träumen davon, finanziell unabhängig zu werden und den Lebensunterhalt nicht mehr aus einem Gehalt bestreiten zu müssen. Gemeint ist damit meist, dass Erträge aus Vermögen dauerhaft Miete, Alltag und Freizeit decken. Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegt eine große Lücke. Ein Sparbuch reicht dafür in der Regel nicht aus. Nötig sind meist Kapitalerträge aus Aktien, ETFs, Zinsen oder Immobilien. Gleichzeitig ist nicht jede Einkommensquelle wirklich passiv, weil etwa Vermietung oder digitale Geschäftsmodelle oft laufende Arbeit verursachen, wie wmn.de berichtet.
7 Millionen Euro laut Marcel Reyers
Besonders hoch fällt eine Einschätzung von Marcel Reyers gegenüber dem Handelsblatt aus, Vorstand der Finanzplanervereinigung FPSB. Er hält mindestens sieben Millionen Euro für nötig, wenn jemand sorgenfrei, dauerhaft und ohne größeren Verwaltungsaufwand vom eigenen Vermögen leben will. Diese Summe liegt weit über dem, was die meisten Haushalte jemals erreichen. Zugleich ist sie nur eine von mehreren Rechenweisen. Denn wie viel Kapital gebraucht wird, hängt nicht allein von Sicherheit ab, sondern auch vom gewünschten Lebensstandard, der Anlagestruktur und davon, ob nur Erträge genutzt oder zusätzlich Teile des Vermögens aufgebraucht werden.
4-Prozent-Regel: 1,25 Millionen bei 50.000 Euro Jahresbedarf
Deutlich niedriger liegen Berechnungen zur sogenannten 4-Prozent-Regel. Nach diesem Ansatz können Anleger pro Jahr etwa vier Prozent ihres Portfolios entnehmen, ohne dass das Kapital langfristig zu schnell schrumpft. Daraus ergibt sich die Faustregel vom 25-fachen der jährlichen Ausgaben. Wer 50.000 Euro brutto pro Jahr braucht, käme rechnerisch auf rund 1,25 Millionen Euro. Bei 35.000 Euro Jahresbedarf wären es etwa 875.000 Euro. Wichtig ist aber: Die 4-Prozent-Regel ist keine Garantie, sondern eine Faustformel. Ob sie funktioniert, hängt stark von Rendite, Inflation, Steuern, Gebühren und der Entwicklung der Kapitalmärkte ab.
Beispielrechnung: So viel Kapital wäre für 3.000 Euro im Monat nötig
Wer monatlich 3.000 Euro brutto aus Kapitalerträgen erzielen möchte, braucht im Jahr 36.000 Euro. Bei einer angenommenen Rendite von vier Prozent wären dafür rechnerisch 900.000 Euro Kapital nötig. Bei sechs Prozent Rendite sinkt der Kapitalbedarf auf 600.000 Euro, bei acht Prozent auf 450.000 Euro. Diese Rechnung ist allerdings nur ein grober Richtwert: Steuern, Gebühren, Inflation und Kursschwankungen sind dabei noch nicht berücksichtigt. Wer dauerhaft vom Vermögen leben will, sollte deshalb nicht nur mit Durchschnittsrenditen rechnen, sondern auch schlechte Börsenjahre und unerwartete Ausgaben einplanen.
3.000 Euro monatlich: Zwischen 360.000 und 900.000 Euro
Wie groß die Spannweite ist, zeigen einfache Bruttorechnungen zum laufenden Kapitalertrag. Für 3.000 Euro pro Monat wären bei vier Prozent Rendite rund 900.000 Euro nötig. Bei acht Prozent sinkt der rechnerische Kapitalbedarf auf 450.000 Euro, bei zehn Prozent auf 360.000 Euro. Solche Werte klingen attraktiv, doch sie sind Bruttorechnungen vor Steuern, Gebühren und Inflation. Zudem steigen mit höheren Renditezielen meist auch die Risiken. Wer regelmäßig Fondsanteile verkaufen muss, kann in schwachen Börsenphasen Verluste festschreiben und das Depot schneller verkleinern als geplant.
Rund 900.000 Erwachsene leben nicht primär von Erwerbsarbeit
Ganz selten ist ein Leben ohne klassische Erwerbsarbeit in Deutschland dennoch nicht mehr. Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts gibt es inzwischen rund 900.000 Erwachsene, die nicht primär von Erwerbsarbeit leben, Rentner und Pensionäre nicht mitgerechnet. 2020 waren es noch etwa 700.000, 2010 rund 400.000. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass all diese Menschen ausschließlich von Dividenden, Zinsen oder Mieteinnahmen leben. Als mögliche Quellen gelten neben Kapitalerträgen auch Vermögen, Immobilien, Unternehmensbeteiligungen oder andere Einkommensformen.
Bei Tages- und Festgeld liegen die Erträge meist nur bei ein bis drei Prozent, Dividenden-ETFs häufig bei etwa drei bis sechs Prozent. Höhere Zielrenditen, etwa bei bestimmten Festzinsanlagen oder Unternehmensbeteiligungen, können deutlich darüber liegen, gehen aber auch mit entsprechend höheren Ausfallrisiken einher. Wer finanziell unabhängig werden will, braucht deshalb nicht nur eine Zielsumme, sondern auch eine realistische Strategie für Risiko, Entnahme und langfristigen Vermögenserhalt.