Seit der Corona-Pandemie ist Heimarbeit in vielen Betrieben zum festen Bestandteil des Arbeitsalltags geworden. Ein bis zwei Tage pro Woche von zu Hause zu arbeiten, gehört für zahlreiche Angestellte inzwischen zur Normalität. Laut einer europaweiten YouGov-Befragung im Auftrag des Onlinehändlers Galaxus räumen rund 80 Prozent der über 5000 Teilnehmenden aus fünf Ländern ein, im Homeoffice während der Arbeitszeit private Dinge zu erledigen – vom Telefonat über Social Media bis hin zu Sport oder Online-Shopping, berichtet wmn.de. Arbeitsrechtlich kann das kritische Folgen haben, wirtschaftlich stellt sich die Frage nach Effizienz und Produktivität.

80 Prozent erledigen Privates – Deutschland sticht positiv heraus

In der YouGov-Umfrage liegen besonders Frankreich und Italien vorn, wenn es um ausufernde private Tätigkeiten während der Arbeitszeit geht. In Frankreich gaben 17 Prozent an, täglich mehr als zwei Stunden mit privaten Aktivitäten zu verbringen; weitere 29 Prozent investieren ein bis zwei Stunden in nicht-berufliche Aufgaben. In Italien sind es 13 Prozent mit mehr als zwei Stunden und 16 Prozent mit ein bis zwei Stunden. In Deutschland fällt der Anteil mit mehr als zwei Stunden privater Zeit im Arbeitsfenster mit rund sechs Prozent deutlich geringer aus. Zugleich erklären hierzulande 31 Prozent, noch keine Minute für private Zwecke genutzt zu haben – in Frankreich und Italien sagen dies nur etwa zehn Prozent.

Selbstbild statt Stoppuhr: Grenzen der Umfragen

Die europaweite Erhebung basiert vollständig auf Selbstauskünften – ein methodischer Knackpunkt. Niemand misst objektiv, ob die Angaben der Beschäftigten zutreffen, ob sie eher beschönigen oder sich besonders streng bewerten. Auch eine in Deutschland durchgeführte Studie zur Arbeitszeiterfassung mit über 1000 Beschäftigten und rund 400 Unternehmen beschreibt Arbeitszeitbetrug als „unterschätztes Problem“ und stützt sich ebenfalls auf Befragungen, meldet manager-magazin.de. Die Übergänge zwischen normaler Arbeitsunterbrechung, kurzen Pausen und tatsächlich missbräuchlicher Zeitnutzung sind fließend. Gerade im Homeoffice sind Leerzeiten schwerer zu trennen von bewusster Ausnutzung der Situation.

Arbeitsrecht: Abmahnung bis fristlose Kündigung

Juristisch ist die Linie klarer als im Alltag. Wer Zeiten vorsätzlich falsch erfasst, Pausen nicht ausstempelt oder nicht geleistete Stunden abrechnet, riskiert arbeitsrechtliche Konsequenzen – bis hin zur fristlosen Kündigung. Deutsche Gerichte haben bereits entschieden, dass selbst fehlendes Ausstempeln für Raucherpausen zur wirksamen Kündigung führen kann. Im Homeoffice fällt der Maßstab oft strenger aus, weil Arbeitgeber hier besonders auf Vertrauen angewiesen sind. Gleichzeitig zeigen Studien, dass viele Beschäftigte unkorrekte Zeiterfassung als Ausgleich für Überstunden oder ständige Erreichbarkeit verstehen. Arbeitspsychologin Laura Venz warnt in diesem Zusammenhang, jede nicht geleistete Minute verursache Kosten und könne andere zum Nachziehen animieren, so Handelsblatt.

Kontrolle per Software: Risiko für Vertrauen und Motivation

Parallel wächst die technische Möglichkeit zur Überwachung. Neue Funktionen in Kollaborations-Tools wie Microsoft Teams sollen Arbeitgebern detailliertere Daten zur Anwesenheit liefern, etwa über Aktivitätslogs oder WLAN-Informationen, meldet n-tv.de. Offiziell geht es um IT-Sicherheit und Effizienz, praktisch nähren solche Instrumente aber den Verdacht, Beschäftigte würden im Homeoffice systematisch weniger leisten. Fachleute weisen darauf hin, dass Homeoffice häufig zu längeren Arbeitszeiten und unbezahlter Mehrarbeit führt und keine Hinweise auf ein Massenphänomen bewusster Täuschung vorliegen. Für Unternehmen stellt sich daher eine betriebswirtschaftliche Kernfrage: Lohnt sich lückenlose Kontrolle – oder ist ein klar geregeltes, ergebnisorientiertes Arbeitszeitmodell verbunden mit transparenter Zeiterfassung die produktivere Lösung?