Die Verwaltung der neuen Grundsicherung entwickelt sich zunehmend zum Milliardenposten im Bundeshaushalt. Nach Berechnungen des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) summierten sich die Verwaltungsausgaben im vergangenen Jahr auf 7,97 Milliarden Euro – rund 41 Prozent mehr als 2015 mit 5,64 Milliarden Euro. Pro erwerbsfähiger Leistungsempfänger fielen damit 2046 Euro Verwaltungskosten an, vor zehn Jahren waren es noch 1303 Euro. Erstmals lag der Aufwand je Person damit über der Marke von 2000 Euro, meldet Bild. Finanziert wird der Großteil dieser Summe durch den Bund, den Rest tragen die Kommunen.
7,97 Milliarden Euro Verwaltungskosten im Jahr 2024
Von den knapp 8 Milliarden Euro kamen rund 6,8 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt. Für die Durchführung der Grundsicherung waren eigentlich nur 5,25 Milliarden Euro eingeplant. Die Abweichung von mehr als 1,5 Milliarden Euro wurde über eine Verschiebung von Mitteln ausgeglichen, die ursprünglich für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen vorgesehen waren. Dazu zählen Fortbildungen, Bewerbungstrainings und Programme zur Rückkehr in reguläre Beschäftigung. Nach Einschätzung des BIAJ verschiebt sich damit der Schwerpunkt weg von Qualifizierung und Vermittlung, hin zur reinen Abwicklung der Leistungsansprüche. Für Kommunen erschwert dies eine aktive Arbeitsmarktpolitik, berichten Arbeitsmarktexperten.
Umschichtung zulasten von Qualifizierung und Vermittlung
Die zusätzlichen Verwaltungsausgaben wurden aus Budgetlinien finanziert, die im Haushaltsplan als „Leistungen zur Eingliederung in Arbeit“ ausgewiesen sind. Das bedeutet: Ein wachsender Teil der Mittel, die für Weiterbildung oder Coaching gedacht waren, fließt in interne Abläufe der Jobcenter. Laut Handelsblatt kritisieren Fachleute, dass so ausgerechnet bei den Angeboten gekürzt wird, die Menschen beim Einstieg in Beschäftigung unterstützen sollen. Für Arbeitssuchende können dadurch weniger Kursplätze, eingeschränkte Beratung und längere Wartezeiten bei Förderanträgen die Folge sein. Gerade Geringqualifizierte oder Langzeitarbeitslose sind auf solche Angebote angewiesen, um dauerhaft aus dem Leistungsbezug herauszukommen.
Gehälter und Tarifabschlüsse treiben die Kosten
Als zentrale Ursache der höheren Verwaltungsausgaben nennt das BIAJ gestiegene Personalkosten infolge mehrerer Tarifrunden. Rund ein Drittel der etwa 100.000 Beschäftigten der Bundesagentur für Arbeit arbeitet in Bereichen, die für Bürgergeld, Arbeitslosengeld und Kurzarbeitergeld zuständig sind. Laut Focus schlagen höhere Gehälter bei so großen Mitarbeiterzahlen unmittelbar durch. Hinzu kommen komplexere gesetzliche Regelungen, mehr Dokumentationspflichten und ein höherer Beratungsbedarf. In der Summe erhöht dies den Aufwand pro Fall. Die technische Modernisierung der IT-Systeme soll langfristig Effizienzgewinne bringen, verursacht kurzfristig aber ebenfalls Zusatzkosten für Entwicklung und Schulungen.
Haushaltsplanung 2025/2026 gilt als unrealistisch
Für die Jahre 2025 und 2026 sind im Bundeshaushalt erneut jeweils 5,25 Milliarden Euro für die Verwaltung der Grundsicherung veranschlagt. Angesichts der aktuellen Ausgaben bewertet das BIAJ diese Annahme als „vollkommen unrealistisch“, berichtet Bild. Ohne strukturelle Veränderungen im System oder zusätzliche Effizienzmaßnahmen droht, dass wieder Mittel aus arbeitsmarktpolitischen Programmen abgezogen werden müssen. Für Steuerzahler bedeutet der Trend steigende indirekte Kosten: Hohe Verwaltungsausgaben belasten den Haushalt, während geringere Investitionen in Qualifizierung die Chancen auf nachhaltige Arbeitsaufnahme mindern. Für die öffentliche Debatte rückt damit stärker in den Fokus, wie soziale Sicherung effizient organisiert werden kann, ohne Arbeitsuchenden Perspektiven zu nehmen.