Knapp jeder fünfte Mensch ab 65 Jahren in Deutschland gilt als armutsgefährdet. Zugleich haben viele Haushalte vor dem Ruhestand Vermögen aufgebaut: Bei den 55- bis 64-Jährigen lag das Nettovermögen 2023 im Median bei rund 241.000 Euro. Damit stellt sich für viele die gleiche Frage: Wie viel Geld darf aus dem Ersparten entnommen werden, ohne dass es im hohen Alter knapp wird? Eine verbreitete Faustregel nennt vier Prozent im ersten Rentenjahr, anschließend steigt der Betrag mit der Inflation. Für die Entnahmeplanung bleibt das ein wichtiger Richtwert, er passt aber nicht automatisch zu jedem Ruhestand.
William Bengen: 4,15 Prozent aus historischen Börsendaten
Die Regel geht auf den US-Finanzberater William Bengen zurück. Er untersuchte 1994 historische Börsendaten seit 1926 und kam zu dem Ergebnis, dass eine anfängliche Entnahme von 4,15 Prozent über 30 Jahre selbst in sehr ungünstigen Marktphasen gehalten hätte. Bengen schränkt den Wert aber selbst ein. „Auf jeden Fall ist es wichtig zu verstehen, dass sich die Entnahmerate von 4,15 Prozent nur auf eine einzige Person bezog, die Ende Oktober 1968 in den Ruhestand ging“, so William Bengen laut Aktien.news. Dieser Fall traf auf fallende Börsen und hohe Inflation zugleich.
Morningstar: 3,9 Prozent bei 30 bis 50 Prozent Aktien
Aktuelle Berechnungen kommen weiter in die Nähe der bekannten Faustregel, unterscheiden aber stärker nach Depotstruktur. Morningstar nennt rund 3,9 Prozent als mögliche Anfangsentnahme bei 30 Jahren Ruhestand und einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass am Ende noch Geld vorhanden ist. Dieser Wert gilt für Portfolios mit einer Aktienquote von etwa 30 bis 50 Prozent. Bei einem reinen Aktienportfolio sinkt die als sicher angesehene Anfangsentnahme auf rund 3,4 Prozent, weil Kursschwankungen stärker ausfallen. Wer seine Ausgaben nach Börsenjahren anpasst, kann laut den Berechnungen sogar mit fast sechs Prozent starten.
300.000 Euro Startkapital, nach 35 Jahren 1,1 Millionen übrig
Wie stark vorsichtige Entnahmepläne sein können, zeigt eine Auswertung des Ruhestandsplaners Retire Capital. „Da ist in unserer Studie, wir haben mit 300.000 Euro Startkapital gerechnet, nach 35 Jahren im Durchschnitt noch 1,1 Millionen übrig“, sagt CEO Markus Weis laut aktien.news. Die Summe ist nominal, also nicht um die Inflation bereinigt. Für den Alltag im Ruhestand heißt das: Wer laufende Kosten schon über gesetzliche oder betriebliche Renten deckt, kann das Depot oft flexibler nutzen. Dazu kommt ein weiterer Punkt: Die Ausgaben vieler älterer Menschen sinken inflationsbereinigt mit zunehmendem Alter.
Kassensturz, Zuverdienst und Verträge prüfen
Reicht die Rente nur für ein schmales Budget, beginnt die Planung nicht beim Depot, sondern beim Monatsplan. Entscheidend sind Nettoeinkommen, weitere Einnahmen oder Ersparnisse, feste Ausgaben und der Betrag, der nach Abzug der Fixkosten übrig bleibt. Ein Haushaltsplan hilft, den Überblick zu behalten. Wer die Regelaltersgrenze erreicht hat, darf unbegrenzt hinzuverdienen, muss die Einnahmen aber versteuern. Unterhalb dieser Grenze galt ein Zuverdienst von mehr als 450 Euro monatlich als Grenze für Kürzungen. Auf der Kostenseite kommen eine günstigere Wohnung, Untervermietung mit Zustimmung des Vermieters, ein Anbieterwechsel bei Gas oder Strom und die Prüfung alter Versicherungen infrage.