Von Franz Kaiser 0
Legenden-Portrait

Zinédine Zidane: Wie ein Franzose die Fußball-Welt veränderte

Kaum ein Spieler hat den Weltfußball in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende so geprägt wie Zinedine Zidane. Seine Eleganz, seine genialen Pässe und auch seine Traumtore machten ihn unsterblich. Franz Kaiser erinnert in seiner aktuellen Kolumne an einen Spieler, den nichts und niemand stoppen konnte – außer er selbst.


Er hat nichts verlernt. Beim Benefizspiel "Match Against Poverty" am 13.12. in der Hamburger Imtech-Arena streichelte Zinédine Zidane den Ball so liebevoll wie eh und je. Auch fünf Jahre nach dem Ende seiner glanzvollen Karriere gehorcht die Kugel dem schmächtigen Franzosen wie ein gut dressierter Hund seinem Herrchen. Beim lockeren Spaß-Kick für den guten Zweck schüttelte Zidane mühelos Traumpässe aus dem Knöchel und freute sich über jede gelungene Aktion. Eigentlich also alles wie früher. Und fast hätte man sie vergessen, jene dunkle Sekunde, die einen Schatten auf die gesamte Karriere des wohl besten Fußballers des neuen Jahrtausends warf.

9. Juli 2006, Berliner Olympiastadion. Es läuft die 110. Minute des WM-Finales zwischen Italien und Frankreich. Und Zinédine Zidane, dem Mann, der vor dem Endspiel zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt wurde, brennen die Sicherungen durch. Mit voller Wucht rammt er seinen Kopf in den Brustkorb des Mannes, der kurz zuvor Beleidigungen gegen seine Familie ausgesprochen hatte: Marco Materazzi. Die Folge: Zidane fliegt im letzten Spiel seiner Profi-Laufbahn vom Platz, Frankreich verliert das Finale im Elfmeterschießen und die Fußball-Geschichte ist um einen Skandal reicher. Auch heute noch wird die Karriere von Zinédine Yazid Zidane aus Marseille hauptsächlich von ihrem unrühmlichen Ende her betrachtet. Was wirklich verflucht schade ist.

Denn Zidane hat es nicht verdient, dass man ihn nur auf diesen blöden Ausraster reduziert. Vielmehr muss sein filigranes, technisch hochwertiges Spiel gewürdigt werden, all die Traumpässe, mit denen er seine Mitspieler in Szene setzte, all die wunderbaren Treffer, die er erzielte und natürlich all die Erfolge, die er vor dem 9. Juli 2006 feierte. Beispiele gefällig? Weltfußballer der Jahre 1998, 2000 und 2003. Europas Fußballer des Jahres 1998. Weltmeister mit Frankreich im selben Jahr. Europameister 2000. Zweimal Meister in Italien mit Juventus Turin, einmal in Spanien mit Real Madrid. Zudem 2002 Champions-League-Sieger mit den Madrilenen (und Torschütze im Finale gegen Bayer Leverkusen). Und das sind nur die wichtigsten Ehrungen, die dem zurückhaltenden Franzosen zuteil wurden.

Als Kind algerischer Einwanderer kam er 1972 in Marseille zur Welt, wuchs im Problemviertel La Castellane auf. Dort lernte er all die Tricks, die ihm später Bewunderung einbringen sollten. Dort lernte er aber auch Bescheidenheit und Demut, die aus ihm einen untypischen Superstar machten. Imponiergehabe war ihm stets fremd. Die Partyszene mit Disco- und Nachtclubbesuchen mied er wie der Teufel das Weihwasser. Auch nutzte "Zizou" seine Popularität ausschließlich für gute Zwecke – etwa indem er das "Match Against Poverty" ins Leben rief, das seit 2004 alljährlich ausgetragen wird.

Es gibt und gab schon immer andere technisch herausragende, elegante Fußballer. Doch auch einem brillianten Spieler wie Lionel Messi, der unzweifelhaft schon jetzt zu den besten aller Zeiten zählt, fehlt diese ganz besondere Aura, die Zinédine Zidane stets umgab. Egal, ob bei Girondins Bordeaux, bei Juventus Turin oder am Ende seiner Laufbahn bei Real Madrid – überall hat er dem Spiel seiner Teams den Stempel aufgedrückt und auf seine unaufdringliche Art den Rhythmus bestimmt. Einen wie ihn gibt es in der aktuellen Generation nicht, und es ist fraglich ob es so einen nochmal geben wird.

Aber wer weiß? Vielleicht hat ja Zidanes Sohn Enzo die Veranlagung seines Vaters geerbt. Der Filius spielt seit diesem Jahr in der Jugend von Real Madrid.


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