Von Nils Reschke 0
EM 2012 Finale

Wiederholt sich für Italien die Geschichte von 2006?

Deutsche Fußballfans müssen jetzt ganz tapfer sein. Denn heute Abend steigt zwar im Olympiastadion von Kiew das große Finale der EM 2012 in Polen und der Ukraine. Allerdings ohne Beteiligung der DFB-Auswahl, die ja im Halbfinale ausgeschieden ist. Und zwar gegen ein Team, dem vor der EM niemand viel zutraute: Italien!


Titelverteidiger Spanien und Herausforderer Italien – dieses Duell hat die Euro 2012 vorgesehen für das Endspiel. Mit dem amtierenden Welt- und Europameister von der iberischen Halbinsel war zu rechnen. Die Mannschaft vom „Stiefel“ hatten hingegen nur wenige Experten auf dem Zettel. Die Vorbereitung lief schlecht, es gab nur ein Testspiel, das dann auch noch mit 0:3 gegen Russland verloren wurde. Dazu der Wettskandal, der die Wochen vor EM-Start einen ganz dunklen Schatten über die Squadra Azzura geworfen hatte. Aber: Italien hat es dennoch wieder geschafft und steht im Endspiel.

Alles erinnert dabei ein wenig an die Weltmeisterschaft 2006. Auch damals ging es wegen Juventus Turin, einem Manipulationsskandal und vielen Ungereimtheiten hoch her. Italien schweißte das als Team nur noch mehr zusammen. Man bezwang ebenfalls Deutschland im Halbfinale – und am Ende durfte sich die Squadra Azzurra sogar Weltmeister nennen. Für einen erneuten und ganz ähnlichen Coup fehlt der Mannschaft von Cesare Prandelli jetzt nur noch ein Spiel, 90 Minuten, womöglich eine Verlängerung, ein Elfmeterschießen – dann sind die Italiener die Könige Europas. Wer hätte das gedacht?

Noch allerdings gilt es die Spanier aus dem Weg zu räumen. Dass Italien dazu in der Lage ist, hat das Match in der Gruppe C der Vorrunde gezeigt, als die Squadra Azzurra zwar beim 1:1 Spanien nicht schlug, aber dennoch mehr als gut dagegen halten konnte. Es scheint uns also ein vollkommen offenes Finale zu erwarten, in dem eine Prognose über Sieg und Niederlage schwer fällt. Doch Italien vertraut auf sein gestiegenes Selbstvertrauen und den neuen Volkshelden, "Super Mario" Balotelli. Dessen aggressive Pose nach seinem zweiten Treffer im Halbfinale gegen Deutschland - oberkörperfrei die beeindruckenden Muskeln spielen zu lassen - ging um die Welt und machte ihn binnen kurzem zum Star.

Dabei hätte es Spanien selbst „in der Hand“ gehabt, die Italiener vorzeitig nach Hause zu schicken. Im abschließenden Gruppenspiel gegen Kroatien hätte nämlich ein 2:2 das Aus für die Squadra Azzurra bedeutet, der dann ein 2:0 gegen Irland rein gar nichts gebracht hätte. Dass dies aber nicht im Sinne des Fair Plays und natürlich auch nicht der Iberer war, begegnen sich die beiden Rivalen nun somit im Finale. Die Rolle des Favoriten weist Vicente del Bosque, der spanische Nationaltrainer, aber weit von sich. Als „50:50“ bewertet er die Chancen auf den Titel, erinnert dabei an vier Weltmeistertitel des Gegners: „Wir müssen also nicht von uns als Favoriten sprechen.“   Wolle man die Italiener schlagen, „müssen wir die bestmögliche Leistung zeigen“, ist sich del Bosque sicher. Kritik über die Spielweise seiner Mannschaft perlt jedoch an del Bosque ab: „Wir haben vielleicht nicht so ästhetisch gespielt wie sich alle das wünschen, aber in allen Spielen immer die Kontrolle gehabt.“

Einer, auf den es besonders ankommen wird, heißt Iker Casillas. Der Torhüter der Spanier. Fehler dürfen sich die Schlussleute nicht leisten, in einem Finale schon einmal gar nicht. „Ich denke, wir sind gleichstark“, meint auch der Keeper und spanische Mannschaftskapitän. Die Fans jedenfalls dürfen sich im Olympiastadion von Kiew auf eine interessante Partie freuen, schließlich können beide Teams mit ihren Bestformationen an den Start gehen. Kein Spieler ist gesperrt, keiner fällt verletzt aus. Ein Duell auf Augenhöhe scheint da auf uns zuzukommen. Und die Spanier könnten sich mit diesem Titel in die Geschichtsbücher des Fußballs eintragen. Noch nie nämlich hat ein Team bei einer EM seinen Titel verteidigt. Noch nie – logischerweise – außerdem nach EM, WM auch ein zweites Mal anschließend die Europameisterschaft gewonnen und so den Hattrick in Sachen Trophäen geschafft. Für Italien, immerhin vierfacher Weltmeister, wäre es erst der zweite Sieg bei einer EM. Spanien könnte nach 1964 und 2008 den dritten Titel bei den Wettkämpfen auf unserem Kontinent holen. Warten wir es also ab und freuen uns auf ein tolles Finale.


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