Von Kati Pierson 2
Konzertbericht

Udo Jürgens schwebt - die Halle bebt

Gestern Abend war Udo Jürgens (77) in der Olympiahalle in München mit dem Pepe Lienhard Orchester und dem "ganz normalen Wahnsinn" im Gepäck. Wie es war, und ob es sich lohnt hinzugehen? Lest selbst!


Es ist 20 Uhr, die letzten Zuschauer suchen noch ihre Plätze, während die ersten Takte von "Aber bitte mit Sahne" erklingen. Die Melodie wird nach wenigen Takten erkannt und die Halle klatscht im Takt mit. Das Licht geht aus und ein Opener beginnt.

Ein blauer Vorhang versperrt die Sicht auf die Bühne, und doch ist eine Stimme - lauter als das Orchester - auszumachen: SEINE Stimme. Dieses unverkennbare, markante Organ des 77-jährigen Entertainers. Ein leichtes Zittern ist zu hören, und doch ist Udo Jürgens' Stimme kraftvoll und einzigartig. Die Musik eines ganzen Orchesters unterstreicht jede Silbe des Textes. Dieser beschreibt, wie er sich fühlt, wenn er Abends auf die Bühne geht. Seine letzten fünf Minuten bevor das Konzert beginnt. Die verzweifelte Suche nach den Nerven, den Noten, dem Klavier.

Dann der Moment, wo die Lichter angehen und sich der Vorhang hebt. Das Orchester ist zu sehen und der Scheinwerfer sucht ihn. Ihn - der die letzten Takte des ersten Liedes singend in schwarzem Smoking mit rotem Einstecktuch auf die Bühne kommt. Und dann steht er da im Rampenlicht: Udo Jürgens.

Tosender Beifall, Pfeifen, Johlen und Jubel lassen die Halle in ihren Grundmauern erzittern. Er geht ans Klavier und schlägt die ersten Akkorde seines zweiten Liedes an. "Schenk mir einen Traum" scheint er die Zuschauer zu bitten und diese Erfüllen dem Sänger die gerne. Sie bekommen es ja auch zurück.

Es ist nicht einfach ein Konzert. Es ist Sinfonie, Kino, Konzert und Entertainment in einem. Ein Berg an Überraschungseiern, und in jedem siebentem Ei steckt etwas Besonders. Das Besondere ist nicht etwa Udo Jürgens - nein - das sind die Solisten des Pepe Lienhard Orchesters, das sind die Bilder aus dem Film "Der Mann mit dem Fagott", während ein Medley der schönsten Filmmelodien erklingt, die Jazz-Band "The Voices" und die Stargeigerin. Das sind aber auch Witze, Anekdoten und rührende Worte von dem Mann, der "unterm Smoking Gänsehaut" hat - bei jedem Konzert.

Die Musik ist ein bunter Mix aus Liebeslieder ("Die Frau, die ich nie traf", "Wenn ein Lied so wär' wie Du"), aus gesellschaftskritischen Texten ("Du bist durchschaut", "Der ganz normale Wahnsinn", "Alles ist so easy") Liedern über die Liebe selbst ("Liebe lebt"), Liedern über das Leben ("Heute beginnt der Rest Dienes Lebens") und einem Dank ans Publikum ("Dafür brauch ich Dich").

Zwischen durch geht der Dank mehrfach ins Publikum, so z.B. an seinen Bruder, für den er den Titel "Mein Bruder ist ein Maler" anstimmt oder an den Kameramann, des Zweiteilers "Der Mann mit dem Fagott" und an viele andere. Im Duett mit "The Voices" verschwimmen seinen Titel "Flieg mit mir" und "Fly, with me" von dem großen Frank Sinatra zu einer Einheit - als hätten sie nie ohne einander existiert.

Kurz vor den großen Erfolgen werden die Schleusen geöffnet, und die Massen stürmen an die Bühne. War der Applaus vorher tosend - so ist er jetzt frenetisch. Es singen nicht mehr vereinzelt Fans mit - nein, der ganze Saal stimmt bei "Ich war noch niemals in New York" ein. Forderte Udo Jürgens im ersten Abschnitt "Gegen den Wind"  zu fliegen - spätestens jetzt erreicht ihn dieser Aufwind und trug ihn empor.

Die Halle bebte, die Stimmung war grandios und "Ich weiß, wass ich will" - im Oktober wieder ins Konzert in der Olympiahalle. Ich will noch einmal erleben, wie ein Smoking einer Weste und später einem Bademantel weichen muss. Ich will noch einmal bei Titeln wie "Siebzehn Jahr, blondes Haar", "Ein ehrenwertes Haus" und "Mit 66 Jahren" mit wildfremden Menschen im Chor singen.


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