Von Nils Reschke 0
The Pogues in Köln

Shane MacGowan spricht auch deutsch: „Streams of Whiskey“ am Tanzbrunnen

Der Wirt im Irish Pub „The Corkonian“ nur einen Steinwurf entfernt vom Kölner Dom reibt sich vergnügt die Hände und freut sich auf ein „volles Haus“ – und das an einem Dienstag in den Nachmittagsstunden. Es muss also ein ganz besonderes Ereignis bevorstehen, dass der Pub Anlaufstation für so viele Menschen ist.


Tatsächlich sind die Pub-Besucher schnell zu identifizieren. Einige tragen Trikots von Celtic Glasgow, dem schottischen Fußballclub, der einst von irischen Einwanderern gegründet wurde. Andere haben sich T-Shorts mit ihrer Lieblingsband übergestreift. Und direkt über dem Tresen hängt ein kleines Bild jenes Mannes, der am Abend seinen großen Auftritt haben soll: Shane MacGowan.

The Pogues gastierten am Dienstagabend mit ihrem charismatischen Frontmann in der Domstadt. Und die irischen Folk-Punker sind Kult, genauso wie die Stätte, die sie sich in Köln für ihren Gig ausgesucht haben: den Tanzbrunnen, eine Location, die an diesem Abend zum großen „Familientreffen“ geladen hat. Es ist beachtlich, wie groß die Fangemeinde der Pogues noch immer ist. Und das, obwohl seit Jahren keine neue Alben oder Songs veröffentlicht wurden. Nicht weniger erstaunlich bleibt, wie viele englischsprachige Touristen offenbar keinen Cent und keinerlei Reisestrapazen scheuten, um ihren Helden zuzujubeln. So wie der Pub-Besucher Ende 40, der sich ganz spontan zu einem Straßenmusiker vor die Kneipe setzt, ein wenig diskutiert und dann lauthals und begleitet von emsigen Gitarrenklängen „Irish Rover“ schmettert. Ein klassisches Aufwärmprogramm für das anstehende Konzert, wofür der Edelfan natürlich reichlich Applaus erntet.

Den dürfen sich auch die Pogues am Tanzbrunnen zwei Stunden später sicher sein, als sie endlich auf die Bühne kommen. Für 19 Uhr ist das Konzert angekündigt, es dauert weit mehr als eine halbe Stunde länger, bis sie dann tatsächlich kommen. Als eingefleischter Pogues-Fan weiß man natürlich, dass sich Leadsänger Shane MacGowan noch den einen oder anderen Gin zu Gemüte führt, ehe er bereit zu sein scheint für den großen Auftritt. Den ersten im Rahmen der Jubiläumstour „Thir(s)ty Years of Pogue Mahone“. MacGowan torkelt zwar wie eh und je auf die Bühne mit einigen Promille intus – doch scheint er fitter, als das bei so manchen Auftritt in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Vielleicht liegt es ja daran, dass es das erste Konzert der Tournee ist. Sogar ein paar deutsche Brocken hat Shane parat, um dann mit einem genuschelten „Eins, zwei, drei, vier...“ das Konzert zu eröffnen. „Streams of Whiskey“ fließt beim Opener in Strömen, die Bierbecher fliegen durch die Reihen, ein eindeutiges Indiz: The Pogues haben den Kölner Tanzbrunnen erobert – und zwar im Sturm.

Das Konzert geht – mehr oder weniger – routiniert vonstatten. Zwei Mal gönnt sich Shane MacGowan eine Auszeit und lässt die Kollegen singen, während er sich hinter der Bühne wahrscheinlich einen schnellen Drink genehmigt. Das verzeiht man dem Idol. Davor und danach bejubeln die Fans die alten Klassiker, die sich wie an einer Perlenkette aneinanderreihen. „A Pair Of Brown Eyes“ oder „Rainy Night In Soho“ funktionieren dann aber natürlich nur mit der tragisch-melancholischen Stimme von Shane MacGowan, der zwar Töne mehr schlecht als recht trifft – aber alleine, dass er auf der Bühne steht, scheint die Fans glückselig zu machen. Mehr braucht es nicht bei einem Pogues-Konzert, dessen Höhepunkt immer wieder natürlich der Evergreen bleibt: „Dirty Old Town“.

Die Zuschauer am Tanzbrunnen jedenfalls lassen sich nicht zwei Mal bitten, als die Akkorde dieser irischen Hymne erklingen: „I kissed my love by the gas works wall“, singen sie und schmettern textsicher weiter: „Dreamed a dream by the old canal.“ Und dann ist eben Shane MacGowan dran, bei dem sich weniger „versierte“ Fans wundern, wie der Mann mit dem großen Durst überhaupt die Texte behalten kann, geschweige denn sich auf den Beinen. Doch bei aller Melancholie geht auch richtig die Party ab, wenn die Pogues von „Sally MacLennane“ erzählen oder die „Boys from the County Hell“ zu Wort kommen lassen. Die meisten Zuschauer wissen eben zu schätzen, dass ihre Idole es immer wieder irgendwie auf die Bühne schaffen.

Diejenigen, die es nicht tun, gehen ein wenig enttäuscht nach Hause. Denn nach „Fiesta“ und noch nicht einmal ganz 90 Minuten ist das Gastspiel von Shane MacGowan und den Pogues am Tanzbrunnen beendet. Kaum anders läuft das Konzert am Mittwochabend im Hamburger Stadtpark. Auch die örtlichen Berichterstatter wissen nicht so recht, wie dieser Gig nun einzuschätzen ist. Eines aber ist klar: Die Pogues ohne Shane MacGowan funktionieren nicht. Das klappt nur im Doppelpack – und mit ganz viel Alkohol. God bless you, Shane!

Heute Abend spielen die Pogues in der Berliner Zitadelle ihr letztes Konzert in Deutschland. Tickets sind für Kurzentschlossene noch an der Abendkasse erhältlich.


Teilen:
Geh auf die Seite von: