Franz 0
Enkes zweiter Todestag

Robert Enke: Zum zweiten Jahrestag einer Tragödie

Das Thema unserer aktuellen Sportkolumne ist ein trauriges. Heute jährt sich zum zweiten Mal der Todestag von Robert Enke. Der Selbstmord des Torwarts erschütterte Deutschlands Fußball in den Grundfesten und führte zu einem gründlichen Überdenken der Normen und Dogmen des Geschäfts. Wir erinnern an den Mensch und den Sportler Enke.


Am 10. November 2009, direkt nach dem Ende der Trainingseinheit seines Vereins Hannover 96, warf sich Robert Enke vor einen Regionalzug. Niemand hatte etwas geahnt, weder sein Trainer Andreas Bergmann, noch die Mitspieler und auch nicht seine Ehefrau Teresa. Dass Enke seit Jahren wegen Depressionen in Behandlung war, hatte außerhalb seines engsten Kreises kein Mensch gewusst. All das kam erst nach Enkes Tod ans Tageslicht, unter anderem auf der Pressekonferenz, auf der seine Witwe tapfer von den Problemen ihres Mannes erzählte, der zwei Tage vor seinem Tod noch in der Bundesliga das Tor von Hannover 96 gehütet hatte.

Enkes tragischer Selbstmord löste ein mittelschweres Erdbeben im deutschen Fußball aus. Plötzlich wurde offen über den zu hohen Leistungsdruck im Profisport geredet, darüber, dass ein Sportidol auch Schwächen zeigen dürfen muss. Enke wurde als Symbol für die Grausamkeit der Leistungsgesellschaft gesehen. Zu einem wirklichen Umdenken hat Enkes Selbstmord aber – das muss man leider so feststellen – bis jetzt nicht geführt. Immerhin trauten sich im Zuge der öffentlichen Debatte und der riesigen medialen Anteilnahme an Enkes Schicksal einige Profis, offen über Burnout und Depressionen zu reden. Dieses Jahr ging mit Markus Miller beispielsweise ein weiterer Profi von Hannover 96 an die Öffentlichkeit und gab zu, dass er wegen Depressionen in Behandlung ist.

In der ganzen Debatte wird gerne übersehen, dass Enke vor allem ein sehr guter Torwart war. Zum Zeitpunkt seines Selbstmords war er ein ernsthafter Anwärter auf einen Stammplatz im Tor der Nationalmannschaft. Wäre die Geschichte anders verlaufen, hätte letztes Jahr in Südafrika Enke im Tor stehen können und nicht Manuel Neuer. In der Bundesliga hatte Enke ohnehin seit Jahren zu den Besten seiner Zunft gezählt, und das, obwohl er mit Hannover 96 regelmäßig gegen den Abstieg spielte. Er hätte auch zu einem größeren Verein wechseln können, doch er zog das Vertrauen und die Verehrung, die er in Hannover genoss, dem sportlichen Erfolg vor.

Begonnen hatte die Profikarriere des 1977 in Jena geborenen Torhüters im Jahr 1998 bei Borussia Mönchengladbach. Damals schaffte er den Sprung ins Tor des Bundesligisten, konnte den Abstieg in die zweite Liga aber nicht verhindern. Deshalb wagte er schon in jungen Jahren den Weg ins Ausland. Zwischen 1999 und 2002 war Enke Stammtorwart und zeitweise Kapitän des portugiesischen Traditionsvereins Benifca Lissabon. Mit seinem Wechsel zum spanischen Spitzenklub FC Barcelona kam jedoch ein Knick in die Karriere. Enke saß nur auf der Bank, bestritt in zwei Jahren nur ein Spiel für "Barca". Erst bei Hannover 96, wohin er 2004 wechselte, wurde er zum unumstrittenen Leistungsträger.

Abseits des Feldes fiel vor allem Enkes höfliche, ruhige Art auf. Er engagierte sich für die Tierschutzorganisation PETA. Mit seiner Frau Teresa lebte er auf einem Bauernhof außerhalb Hannovers mit zahlreichen Tieren, die das Paar aufgenommen hatte. Enke verkörperte in vielerlei Hinsicht die Antithese zum verzogenen, schillernden Glamour-Fußballer.

Auch zwei Jahre später erschüttert die menschliche Tragödie um den beliebten und begabten Fußballer noch immer. Er hat die dunkle Seite des schillernden, pompösen Profifußballs aufgezeigt und wird deswegen unvergessen bleiben. Im vergangenen Jahr erschien zu seinem ersten Todestag das von Ronald Reng geschriebene Buch "Ein allzu kurzes Leben", das jedem zu empfehlen ist, der sich mit dem Thema Robert Enke auseinandersetzt.


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