Von Nils Reschke 1
Leseschau

Olli Dittrich und sein wirklich wahres Leben: Zwei Stunden beste Unterhaltung

Die Stimme von Helge Schneider ertönt aus dem Off: „Und die Handys ausschalten.“ Gespannt sitzen die Menschen im Festsaal der Stadthalle in Mühlheim an der Ruhr, der Geburtsstadt des begnadeten Musikers und Komikers. Doch sie warten nicht auf Schneider.


Denn Olli Dittrich huscht hinter dem Vorhand hervor. Adrett bekleidet, keinesfalls mit Bademantel, begrüßt er das Publikum in „Helge-Town“. Er sei gekommen, um aus seinem Buch, der Autobiographie „Das wirklich wahre Leben“ zu lesen. Nun mag so mancher Zeitgenosse meinen: eine Buchlesung, wie langweilig. Als Fan von „Dittsche“ bin ich selbst ein wenig skeptisch, was mich da erwarten wird. Doch so kann man sich täuschen. Es werden die kurzweiligsten 140 Minuten, die ich seit langem erlebt habe.

Olli Dittrich liest zwar immer wieder kurze Passagen aus seiner Autobiographie vor. Das ist an sich schon recht amüsant. Man könnte ihm stundenlang zu hören, wie der Comedian und Musiker in der Vergangenheit schwelgt. Doch dazwischen ufern seine Erzählungen dann in skurrile, abstruse, manchmal sogar etwas traurige Anekdoten ab. „Die gute alte Zeit“ – damit zieht Olli Dittrich sein Publikum in seinem Bann. Und er lässt es in mehr als zwei Stunden nicht mehr los. Der Abend beginnt, nachdem Dittrich sein Jackett abgelegt hat, mit zwei großen Leidenschaften: seiner ersten Jugendliebe in Langenhorn und „Rocket Man“, dem legendären Song von Elton John. Während das mit seinem Schwarm gründlich daneben ging, hielt der Hamburger Unterhaltungskünstler zumindest dem Singer und Songwriter bis heute die Treue.

Und spätestens, als Dittrich dann von seiner zweiten großen Liebe, den Hamburger Sportverein, zu erzählen beginnt, hat er das Publikum endgültig erreicht. Wie jeder andere Junge war es auch sein großer Traum, ein Mal Fußballprofi zu werden. Er fieberte mit dem HSV, und natürlich war Uwe Seeler sein größter Held. Wenn es dann auf den Bolzplatz ging, wollte er unbedingt in „Adidas Uwe“ spielen, die – so sein Trugschluss als kleiner Junge – vorher selbstverständlich von Seeler ein, zwei Mal selbst benutzt wurden. „Er ist doch ein Ehrenmann. Und weil die Schuhe noch gut waren, hat er dann immer ein getragenes Paar verkauft. Die waren ja noch gut.“

Das glaubte jedenfalls Klein-Olli. Die Zeitreise führte die Zuhörer in Mühlheim an der Ruhr aber auch in Dittrichs Wohnzimmer, wo er Udo Jürgens vergötterte und „live“ eine seiner Platten nachspielte. Mit Bruder Markus am „Klavier“. Grandios, wie Dittrich den großen Udo Jürgens imitiert – der Saal hat Mühe, sich auf den Sitzen zu halten. Ein Mann zwei Reihen vor mir weint bereits vor Lachen und kann sich nicht mehr halten.

Ohnehin: Olli Dittrichs Lesereise führt uns immer wieder an den einen oder anderen Prominenten vorbei. Udo Lindenberg, Otto Waalkes – und Rudi Carrell. Sie alle kommen bei Dittrich zu Wort. Gebannt lauscht der Festsaal der Stadthalle seinen Schilderungen, wie er das erste Mal dem großen Rudi Carrell in Syke einen Besuch abstatten durfte. Und wie der „Maniac“ Carrell Dittrichs Arbeiten auch stets kritisch begutachtete: „Das ist nicht witzig, Olli. Musst du aufpassen.“

Olli Dittrich nimmt die Zuhörer, als der Abend sich langsam dem Ende zuneigt, auch mit ins Bremer Weserstadion, wo er mit Wigald Boning als „Die Doofen“ einst die Vorband von Jon Bon Jovi waren. Oder „Bon Doofie“, wie das Duo ihn damals taufte. Der Megastar wusste mit diesem Gespann nun rein gar nichts anzufangen. Und als er dann auch noch erfuhr, dass „Die Doofen“ binnen kürzester Zeit mehr als eine Millionen Tonträger verkauft hatten, verschwand er besser schnell wieder in den Katakomben.

Olli Dittrich und sein „wirklich wahres Leben“ sind brillante 140 Minuten Kurzweil, in denen der Komiker auch von seinen Zeiten im Ensemble von „RTL Samstag Nacht“ erzählt oder wie seine bekannteste Figur „Dittsche“ einst entstanden ist, nachdem Dittrich mit seinen ersten Gehversuchen in der Musikbranche als „Tim“ gnadenlos gescheitert war: Er nahm kurze Hörspiele auf, auch für seinen Anrufbeantworter. Und auf einmal hatte er mehr als 20 Anrufe in Abwesenheit mit solch wertvollen Nachrichten wie: „Echt geil, Alter.“

Als Zugabe lieferte Olli Dittrich dann noch Neues vom „Spocht“, als die ersten Zuhörer tatsächlich vor Lachen von den Stühlen fielen. Und dann war da ja noch „Uns Uwe“, jener tragische Tag, als dem großen Hamburger Mittelstürmer die Achillessehne riss – und Olli Dittrich eingewechselt wurde, um seinen HSV zum Sieg zu verhelfen. Mit dieser Lesetour ist Olli Dittrich ein Fallrückzieher in die gute, alte Zeit gelungen. Ein Volltreffer!

Die Leseschau führt Olli Dittrich noch bis Ende November durch die ganze Republik. Wer die Gelegenheit hat: Unbedingt anhören!


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