Von Franz Kaiser 0
Ballacks Karriere

Michael Ballack: Aufstieg und Fall eines echten Leitwolfs

Unser Sportkolumnist Franz Kaiser beschäftigt sich heute mit einem, der über Jahre hinweg wichtigster Mann im deutschen Fußball war:Michael Ballack. Mittlerweile hat ihn die jüngere Generation deutscher Star-Kicker ins Abseits gedrängt. Auch in der Nationalelf sind seine Dienste nicht mehr gefragt. Wir erinnern an seine größte Zeit.


Michael Ballack ist mittlerweile 35 Jahre alt. Und wenn er, was nicht unwahrscheinlich ist, seine ruhmreiche Karriere nach der laufenden Saison endgültig beendet, wird es wohl eine Szene geben, die in der Rückschau besonderen Raum einnehmen wird. Gemeint ist die berühmte Szene aus dem englischen Pokalfinale im Mai 2010 zwischen Ballacks FC Chelsea und dem FC Portsmouth. Der Ghanaer Kevin-Prince Boateng grätschte Ballack so gnadenlos um, dass dieser sich das Innenband riss und das Sprunggelenk schwer verletzte. Deutschland hielt den Atem an: Der Kapitän der Nationalelf , der vermeintlich wichtigste Mann, würde nicht an der WM in Südafrika teilnehmen können.

Wie die Geschichte weiterging, ist altbekannt. Ohne ihren langjährigen Leitwolf stürmte eine stark verjüngte DFB-Truppe in Südafrika mit teils begeisterndem Fußball auf den dritten Platz. Ersatz-Kapitän Philipp Lahm verkündete bald, dauerhaft Spielführer bleiben zu wollen. Bundestrainer Joachim Löw sah Ballack nicht mehr automatisch als Stammspieler. Das öffentliche Sägen am Denkmal des lange Jahre unantastbaren Mittelfeldspielers hatte begonnen. Als im Sommer 2011 dann Ballacks endgültiges Aus als Nationalspieler nach 98 Länderspielen und 42 Toren verkündet wurde, überraschte dies kaum noch jemanden ernsthaft. Denn die Mannschaft brauchte ihn nicht mehr. Was für ein Unterschied zu den Jahren 2000 bis 2008.

Als Jungprofi Ballack um die Jahrtausendwende den Durchbruch schaffte, durchlebte Deutschlands Fußball eine tiefdunkle Ära. Bei der EM 2000 war die völlig überaltete und zerstrittene Truppe in der Vorrunde ausgeschieden. Die großen Stars in der Bundesliga waren fast ausschließlich Ausländer, und kein einziger deutscher Profi spielte bei einem internationalen Topklub eine Rolle. Bis Ballack kam. Der dynamische, zweikampfstarke und torgefährliche Mittelfeldmann spielte bei Bayer Leverkusen eine überragende Saison 2001/02 und schoss Deutschland nicht zuletzt in den Playoff-Spielen gegen die Ukraine zur WM 2002. Dort zeigte er ebenfalls Topleistungen und erzielte im Halbfinale gegen Südkorea den 1:0-Siegtreffer. Dass er anschließend für das Finale gegen Brasilien (0:2) gesperrt war, war ein großer Wermutstropfen auf ein sehr gutes Turnier, das ihn auch bei den großen Vereinen begehrt machte. Ballack wechselte nach der WM zum FC Bayern München, wo er endgültig zum Superstar werden sollte.

Für die Bayern erzielte Ballack in vier Jahren 44 Tore in 107 Bundesligaspielen. Er war unumstrittener Anführer, Leistungsträger und gewann in den Jahren 2003, 2005 und 2006 das Double (Meisterschaft und DFB-Pokal). Er war in dieser Zeit einer der wenigen deutschen Spieler, deren Name bei internationalen Gegnern Angst und Schrecken verbreitete. Unzählige Werbepartner nutzten sein Gesicht und seine Bekanntheit, um ihre Produkte zu verkaufen. Vor der WM 2006 im eigenen Land, die ja für Deutschlands Fußball die große Wende zum Guten bedeuten sollte, gab Ballack seinen Wechsel zum FC Chelsea bekannt. Und auch in Englands Premier League, der vielleicht besten Liga Europas, setzte sich der Star nach Anlaufschwierigkeiten durch.

Doch mittlerweile begann auch im eigenen Land wieder eine Generation heranzuwachsen, die gut Fußball spielen konnte. Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Miroslav Klose und später auch Mario Gomez und Thomas Müller hießen die jüngeren Stars. Ballack war nicht mehr der alleinige Chef im Ring, es gab nun auch weitere Spieler mit Führungsambitionen und fußballerischer Klasse. Schon vor seiner folgenschweren Verletzung im Mai 2010 war Ballack auf dem absteigenden Ast. Unter Joachim Löw hatte sich Deutschland einem temporeichen Fußball verschrieben, der nicht Ballacks gewohntem Spiel entspricht. Fraglich, ob die WM 2010 mit ihm als Platzhirsch so erfolgreich verlaufen wäre.

Seit einem Jahr spielt der ehemalige Alleinunterhalter im deutschen Fußball wieder in der Heimat, bei seinem früheren Verein Bayer Leverkusen. Doch er ist nicht mehr der Ballack von früher. Zuweilen blitzt noch die Klasse von früher auf, jene dynamische Zielstrebigkeit, die ihn so wichtig machte. Im Gegensatz zu früher entscheidet Ballack aber nicht mehr Spiele alleine. Sein Abstieg war ein Schleichender, der sich über mehrere Jahre vollzog. Und wenn Michael Ballack tatsächlich im kommenden Sommer seine Schuhe endgültig an den Nagel hängen sollte, werden ihm wohl weniger Menschen eine Träne nachweinen, als es eigentlich verdient wäre. Und das eine Bild, das am meisten im Gedächtnis bleiben wird, ist das des vor Schmerz schreienden Ballacks, als er nach dem Foul von Kevin-Prince Boateng zu Boden geht. Das ist sehr schade, denn die fußballerischen Verdienste eines Mannes wie ihm können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.


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