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Porträt eines Exzentrikers

José Mourinho: Halten Sie ihn nicht für arrogant, aber ...

Kaum ein anderer Trainer polarisiert so wie José Mourinho. Der portugiesische Erfolgscoach von Real Madrid ist für seine zynischen, oft arrogant wirkenden Kommentare ebenso berüchtigt wie für seine emotionalen Ausbrüche an der Seitenlinie. Was treibt diesen Mann an? Damit befasst sich die heutige Sportkolumne "Der Pool ist rund".


Mal angenommen, Sie treten einen neuen Job in einer finanzstarken Firma an und werden den Geschäftspartnern vorgestellt. Würden Sie sich mit den folgenden einführen: "Bitte halten Sie mich nicht für arrogant, aber ich denke schon, dass ich etwas Besonderes bin"? Vermutlich würden Sie es sein lassen, da ein solches Verhalten tatsächlich als arrogant ausgelegt werden könnte. José Mourinho hatte derlei Bedenken offenbar nicht, denn er hat 2004 bei seiner ersten Pressekonferenz als Trainer des FC Chelsea die Journalisten genau mit diesen Worten begrüßt.

Mit Sprüchen wie diesen stieg der Portugiese schnell zum provokantesten Trainer der Branche auf. Die Anzahl seiner Verehrer wuchs mit jedem Erfolg der von ihm betreuten Teams ebenso wie die Zahl seiner Hasser mit jedem trockenen Spruch, den er den Journalisten medienwirksam hinklatschte. Aber eines konnte man Mourinho nie absprechen: Er hatte Erfolg mit jedem Team, das er trainierte.

2004 gewann er mit seinem Heimatverein FC Porto sensationell die Champions League. Nach diesem dicken Ausrufezeichen verpflichtete der FC Chelsea den jungen, dynamischen Coach. In London wurde Mourinho schnell zum Superstar der Branche, gewann mit dem aus der Portokasse des Milliardärs Roman Abramowitsch zusammengekauften Team zweimal das englische "Double" aus Meisterschaft und Pokal. Nur der Erfolg in der Champions League, den der FC Chelsea so sehr herbeisehnte, wollte sich nicht einstellen. Das Verhältnis zu Klub-Besitzer Abramowitsch war nicht immer frei von Spannungen, da hier zwei echte Dickköpfe aufeinander trafen. So genügte ein nicht optimaler Saisonstart dem Russen als Anlass, Mourinho im September 2007 zu entlassen.

Dem machte das aber wenig aus. Der streitbare Coach übernahm 2008 den italienischen Spitzenklub Inter Mailand und machte dort genau so weiter, wie er bei Chelsea aufgehört hatte. Schon in seiner ersten Pressekonferenz überraschte er alle Journalisten – diesmal nicht mit einem arroganten Spruch, sondern mit der Tatsache, dass er fließend italienisch sprach. Und er feierte Erfolge: 2009 und 2010 holte er die italienische Meisterschaft sowie 2010 den Titel in der Champions League. Im Halbfinale hatte Inter den hoch favorisierten FC Barcelona um Lionel Messi aus dem Wettbewerb gekegelt, im Finale siegten die Mailänder 2:0 gegen Bayern München. Mourinho war keine drei Jahre nach seiner Entlassung in London auf dem Gipfel seines Erfolges. Und wie es seine Art ist, überraschte er wieder einmal alle: Er nahm das Angebot von Real Madrid an, jenem mythenumrankten Spitzenteam aus Spanien.

Und jetzt kommen wir zum Punkt, an dem die Geschichte interessant wird: Der Gegenwart. Den mit Real Madrid ist es Mourinho, dem Magier aus Portugal, bislang noch nicht gelungen, die Vorherrschaft des Erzrivalen aus Barcelona zu brechen. In seiner ersten Saison musste er den Katalanen sowohl national als auch international den Vortritt lassen. Einzig im Finale um die spanische "Copa del Rey" im vergangenen Mai gelang es ihm, Barcelona zu schlagen. Darüber hinaus wirkte Mourinho am Ende der vergangenen Saison angeschlagen. Immer öfter erging er sich nach Niederlagen in abstrusen Verschwörungstheorien und schwachen Angriffen gegen die Schiedsrichter. Vor allem die Halbfinal-Niederlage in der Champions League gegen – na wen wohl, Barcelona – giftete Mourinho in alle Richtungen und bekam von der UEFA eine dicke Strafe aufgebrummt.

Ob die Geschichte noch gut ausgeht? Momentan liegt Real Madrid, das Star-Team um Cristiano Ronaldo, Mesut Özil und Co., in der Meisterschaft vor Barcelona. Doch die echten Reifeprüfungen, die "Clasicos" gegen den Erzrivalen kommen erst noch. In seiner zweiten Saison in Madrid wird von Mourinho erwartet, dass er Erfolge feiert.


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