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Bundestrainer-Porträt

Joachim Löw: Bundes-Jogi auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn

Morgen werden in Kiew die Gruppen für die EM 2012 in Polen und der Ukraine ausgelost. Deutschland zählt bei diesem Turnier zu den Mitfavoriten. Grund genug für Franz Kaiser, in seiner Sportkolumne den Baumeister des neuen deutschen Erfolges im Fußball zu porträtieren: Bundestrainer Joachim Löw.


Am morgigen Freitag werden in Kiew die Gruppen für die Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine ausgelost. Wenn es für Deutschland ganz schlecht läuft, könnten die Gruppengegner Spanien, Kroatien und Frankreich heißen. Doch ebenso gut könnten es Polen, Griechenland und Irland sein – und das wäre dann schon wieder deutlich machbarer. Doch völlig egal, wie das Los morgen entscheidet: Joachim Löw und sein Team werden für alle Eventualitäten gerüstet sein.

Für den 51-jährigen Fußball-Lehrer aus dem Schwarzwald könnte das Turnier in Osteuropa zum Höhepunkt seiner Laufbahn werden. Die von ihm trainierte deutsche Nationalelf ist in blendender Verfassung und spielte sich zuletzt rauschhafte Siege am Fließband heraus. Die zahlreichen jungen Talente, die den deutschen Fußball in den letzten Jahren so bereichern, sind unter Löws Regie zu einer Einheit geworden, die nur schwer zu schlagen ist. Dass er einmal eine Nationalmannschaft mit realistischen Chancen auf einen Turniersieg trainieren würde, hätte "Jogi" selbst vor wenigen Jahren wohl kaum für möglich gehalten.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Löw 1996 zum ersten Mal Bundesliga-Trainer wurde. Damals übernahm er mit gerade einmal 36 Jahren den VfB Stuttgart, nachdem dessen Trainer Rolf Fringer vor Saisonbeginn abgesprungen war. Schon damals war er in seinem Studentenlook und mit seinem badischen Dialekt höchst sympathisch, ließ seine Truppe um das "Magische Dreieck" Bobic-Balakov-Elber zudem einen tollen Angriffsfußball spielen. In zwei Jahren wurde sein Team zweimal Vierter der Bundesliga, gewann den DFB-Pokal und schaffte es in ein Europacup-Endspiel. Trotzdem schickte ihn das Präsidium in die Wüste, da es mit Winfried Schäfer einen vermeintlich größeren Namen ins "Ländle" holen konnte. Meines Erachtens der größte Fehler, den der VfB Stuttgart je gemacht hat.

Danach hangelte sich "Jogi" von Job zu Job, ohne je an die Erfolge in Stuttgart anknüpfen zu können. Mit Fenerbahce Istanbul wurde er immerhin Dritter in der Türkei, mit dem FC Tirol Innsbruck gewann er die österreichische Meisterschaft. Doch in Deutschland war er bald vergessen. So musste Löw sogar ein Angebot des Karlsruher SC aus der zweiten Liga annehmen und schaffte es dort nicht einmal, den Abstieg in Liga drei zu verhindern. Er war sozusagen abgehalftert und hatte ausgedient. Bis Jürgen Klinsmann anrief.

Hier begann Jogis Aufstieg, der bis heute anhält. Als Co-Trainer von "Klinsi" bei der deutschen Nationalmannschaft war er Teil des "Sommermärchens" bei der WM 2006. Der sensationelle dritte Platz und der tolle Offensivfußball, den die Mannschaft spielte, waren zu einem großen Teil sein Verdienst. Denn hinter dem Motivator Klinsmann stand auch stetes der Taktiker Löw. Das wusste auch Klinsmann selbst und schlug deshalb seinen Co-Trainer als Nachfolger vor, als er nach der WM seine Mission beendete. Und der DFB willigte ein. Sieben Jahre nach dem absoluten Tiefpunkt in Karlsruhe war Joachim Löw aus Schönau im Schwarzwald plötzlich deutscher Bundestrainer.

Was dann folgte, wissen wir: Zweiter Platz bei der EM 2008, Dritter bei der WM 2010 und nun die rekordverdächtige Qualifikation für die EM 2012. Das spektakuläre 3:0 neulich im Testspiel gegen die Niederlande war sein 75. Spiel auf der Bundestrainerbank. Im Schnitt hat er 2,25 Punkte geholt – das schaffte niemand seiner Vorgänger. Weder Sepp Herberger, noch Helmut Schön und auch nicht der "Kaiser" Franz Beckenbauer! Manche mögen Joachim Löw immer noch belächeln, mögen ihnen wegen seines knuffigen Spitznamens und seinem breiten Dialekt nicht für voll nehmen. Doch er ist meiner bescheidenen Meinung nach das Beste, was dem deutschen Fußball nach 2006 hätte passieren können. Er ist der beste Nationaltrainer, den wir uns wünschen können. Und wenn alles gut läuft, wird er im kommenden Sommer auch einen Titel in der Tasche haben, um diese These untermauern zu können.


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