Von Mark Read 0

Heute vor fünf Jahren: Natascha Kampusch - das Ende von 3096 Tagen Qual


Heute vor fünf Jahren endete ein Entführungsfall, der weit über Österreich hinaus für Schlagzeilen sorgte. Die damals 18-jährige Natascha Kampusch entkam ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil, der sie achteinhalb Jahre in einem Kellerverlies gefangen gehalten hatte. Seitdem ist Kampusch eine nationale Berühmtheit, hat allerdings nach wie vor unter den Folgen ihrer Gefangenschaft zu leiden.

Am 23. August 2006 nutzte Natascha Kampusch ihre Chance. Es war einer der seltenen Momente, in denen sie ihr Kellerverlies verlassen und an die frische Luft durfte - sie musste ihrem Entführer Wolfgang Priklopil beim Autowaschen helfen. Plötzlich klingelte sein Handy und er ging für wenige Augenblicke hinein. Kampusch rannte um ihr Leben, weg von dem Haus im Wiener Vorort Strasshof, das über acht Jahre ihr Kerker gewesen war. Sie irrte durch die Vorgärten der Nachbarschaft, rief um Hilfe. Schließlich brachte man sie zur Polizei, die damit völlig unverhofft einen langen Entführungsfall als gelöst betrachten durfte. Priklopil, der wusste, was ihm blühte, ließ sich von einem Bekannten nach Wien hineinfahren, ehe ihn die Polizei schnappen konnte. Er warf sich vor einen Fernzug und entging so einer gerechten Bestrafung. Natascha Kampusch war frei - und urplötzlich ein echter Medienstar.

Im März 1998 war die damals zehnjährige auf dem Weg zur Schule urplötzlich verschwunden. Eine Mitschülerin berichtete später, dass Natascha in einen weißen Kleintransporter gezerrt worden sei - von zwei Männern. Trotzdem konnte bis heute ein möglicher Mittäter Priklopils nicht eindeutig ausfindig gemacht werden. Der Fall erschüttert schon damals ganz Österreich, fieberhaft wird nach dem kleinen Mädchen gesucht. Doch sie bleibt wie vom Erdboden verschwunden. Wolfgang Priklopil hatte seine Tat offenbar ganz genau geplant. Er richtete für sein Opfer ein Kellerverlies ein, das extrem gut getarnt ist und selbst bei einer polizeilichen Hausdurchsuchung nicht aufgefallen wäre. Dort verbringt die kleine Natascha Kampusch ihre gesamte Pubertät, abgeschirmt vom Tageslicht.

Erst nach und nach gestattet ihr Priklopil, dass sie auch nach oben ins Haus darf. Ab und zu nimmt er sie sogar mit zum Einkaufen, achtet aber darauf, dass sie niemals Kontakt zu Mitmenschen aufnimmt. Bis zu jenem 23. August 2006 funktioniert sein Überwachungssystem - dann wird er einmal unaufmerksam. Für Natascha Kampusch beginnt mit der Befreiung allerdings eine weitere Zeit der Qualen. Denn nun wird sie zum medialen Star, ihre Geschichte bewegt ganz Europa - und sogar jenseits des Teiches interessieren sich die Menschen für sie.

Unmittelbar nach ihrer Freilassung kommt sie in psychologische Behandlung. Sie muss sich erst an Tageslicht gewöhnen, das ihr so lange verwehrt blieb. Auch ihr erstes TV-Interview, zwei Wochen nach ihrer Befreiung, muss in einem abgedunkelten Studio stattfinden. Die Sendung erreicht im österreichischen TV einen Marktanteil von 80 Prozent. Kampusch zeigt sich emotional, überrascht jedoch auch durch eine abgeklärte Sichtweise und eloquente Darstellung. 2010 erscheint ihr Buch "3096 Tage", in dem sie ihre Gefangenschaft aus persönlicher Sicht Revue passieren lässt.

Doch Kampusch weiß auch selbst ganz genau, dass es noch lange dauern wird, bis aus ihr ein "normaler Mensch" wird. In einer Doku des österreichischen Fernsehens über ihren Entführungsfall sagt sie: "Ich werde mein Leben lang geächtet sein. Ich habe einen Stempel auf der Stirn, auf dem steht: 'Gewaltopfer'. Es wird mir nie - oder selten - jemand wertfrei begegnen können. Erst wenn ich älter werde, wird das wohl passieren, weil dann Menschen die Zeit nicht miterlebt haben." Bleibt der heute 23-Jährigen nur zu wünschen, dass ihr die Rückkehr in die Gesellschaft schneller gelingt, als sie glaubt. Und dass sie eines Tages tatsächlich als Mensch wahrgenommen wird und nicht als Medienphänomen.


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