Von Mark Read 0
Ein Zwischenfazit

Die EM in Polen und der Ukraine: Was für ein starkes Turnier!

Die Vorrunde der EURO 2012 ist beendet, und mit dem Viertelfinale beginnt nun die entscheidende Phase des Turniers. Schon reden sich die Experten den Mund darüber fusselig, ob wir es hier mit einer guten oder einer schwachen EM zu tun haben. Da mischt unser Experte Franz Kaiser doch glatt mal mit.


Vor kurzem saßen sie im "Doppelpass" auf SPORT1. Die Experten, die Legenden von früher. Und beschwerten sich über das mangelnde spielerische Niveau dieser EM. Kaum spielerische Glanzlichter und wieder einmal zwei spielerisch limitierte Gastgeber, die nach der Vorrunde die Segel streichen müssen. Ergo: Eine schwache Europameisterschaft. So lautete das Urteil in der launigen Plauderrunde. Da muss ich doch glatt mal energisch widersprechen.

Man kann doch nicht immer nur die nackten Zahlen sprechen lassen. Fußball ist auf dieser hohen Ebene längst nicht mehr nur Sport, sondern auch Show. Und eine gute Show muss vor allem unterhalten. Klar sind sowohl Polen und die Ukraine in der Vorrunde ausgeschieden, weil sie insgesamt spielerisch nicht mit den ganz großen mithalten konnten. Aber was haben beide Teams für einen großen Kampf geboten, mit wie viel Herzblut waren sie dabei! Wie sich die polnische Elf in der zweiten Halbzeit gegen Russland förmlich zerrissen hat und wie Jakub Blaszczykowski mit einem strammen Gewaltschuss ein ganzes Land in grenzenlosen Jubel stürzte, war für mich die vielleicht schönste Szene bisher bei dieser EM.

Bildquelle: Joern Pollex/Getty Images via image.net

Das selbe gilt für das an Dramatik kaum zu überbietende Match zwischen Schweden und England. Natürlich war das in der ersten Hälfte ein von Taktik geprägtes Ballgeschiebe mit wenigen Höhepunkten. Doch dann: Fünf Tore, insgesamt drei wechselnde Führungen, ein Traumtor von Danny Welbeck per Hackentrick und letztlich das Aus für die Schweden - was war da alles drin. Oder nehmen wir das erste Vorrundenspiel der deutschen Elf gegen Portugal. Jeder hatte von Jogi Löws Truppe erwartet, dass der Champagnerfußball der WM 2010 seine Fortsetzung finden würde. Vielleicht war auch deswegen hinterher der Unmut groß, vielleicht beziehen die meckernden Experten daraus ihr Futter. Aber Fakt ist doch: Die Spannung in diesem Spiel war mit den Händen greifbar. Bis Mario Gomez in der 73. Minute zum Siegtor einnickte, war hier alles möglich. Und Gomez' Tor läutete er eine höchst dramatische Schlussphase ein, die mich an den Rand eines mittelschweren Herzinfarkts brachte. Wen interessiert bei einer solchen Dramatik schon die spielerische Klasse.

Und ein Blick auf die Ergebnisübersicht der EM zeigt mir, dass es in der Vorrunde kein einziges 0:0 gab. 60 Tore in 24 Spielen bedeuten einen Schnitt von 2,5 Treffern pro Partie. Das ist deutlich mehr als bei der WM 2010 in Südafrika (2,27 pro Partie). Hier dürfen die nackten Zahlen ausnahmsweise mal für sich sprechen. Die EURO 2012 in Polen und der Ukraine ist keineswegs ein schwaches Turnier, sondern beste Unterhaltung mit spannenden, teils dramatischen Partien und jeder Menge Toren. Hoffen wir, dass sich das in der K.O.-Phase nicht ändert. Aber das ist kaum vorstellbar, denn ab jetzt geht es um's Ganze!


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