Von Nils Reschke 0
DFB-Pokal

DFB-Pokal: Jeder blamiert sich so gut er kann

Da sind sie also wieder, diese ureigenen Gesetze, die der DFB-Pokal schreibt. Ganz besonders gerne natürlich in der ersten Runde, wenn die Herren Fußball-Profis – oft in der Provinz, auf jeden Fall aber in den unteren Ligen – gefordert sind. Zum Start in die neue Saison 2012/13 meinten es Fußball-Gesetze gar nicht gut mit den Bundesligisten. Auch Franz Kaiser weiß davon in seiner Kolumne „Der Pool ist rund“ ein Lied zu singen.


Da war es also wieder, dieses Wort, das zwangsläufig immer dann fällt, wenn David den Fußball-Riesen Goliath herausfordert. Der Stadionsprecher von Preußen Münster kam nicht daran vorbei. Auch er begrüßte die Zuschauer im altehrwürdigen Preußenstadion. „Altehrwürdig“, so werden die Stadien gerne von Dritt-, Viert- oder Fünftligisten genannt, deren Vereinskassen mehr oder weniger klamm, deren erste Mannschaft irgendwo in den Niederungen des Fußballs verschwunden und deren Arenen der Zahn der Zeit, der an ihnen genagt hat, anzusehen ist. Mein Weg führte mich an diesem Sonntagnachmittag die Hammer Straße entlang in jenes altehrwürdige Stadion von Preußen Münster, immerhin Gründungsmitglied der Bundesliga. Tribünen gibt es dort auf der Haupt- und Gegengeraden, doch es fällt trotzdem schwer, an diesem heißesten Tag des Jahres ein schattiges Plätzchen zu finden.

Was sollen da die 22 Kicker auf dem Rasen sagen? Preußen Münster hatte Werder Bremen zum Tanz gebeten, der ein – im wahrsten Sinne des Wortes – extrem heißer werden sollte. Der Schiedsrichter hatte schon nach 20 Minuten ein Erbarmen, bat zur kollektiven Trinkpause. Bemerkenswert. Bemerkenswert aber auch, wie sich die Preußen schlugen, die aufspielten, als gebe es keinen Morgen danach. Mit Pfosten- und Lattentreffer brachten sie den Kasten von Sebastian Mielitz zum Wackeln, auf der Gegenseite verpatzte Bremens Stürmer Nils Petersen zwei Mal völlig freistehend gegen einen hervorragend parierenden Münsteraner Keeper Daniel Masuch. Da dachte ich so mir: „Heute wird hier etwas passieren.“ Tatsächlich passierte noch etwas – denn Eljero Elia schlenzte den Ball quasi mit dem Pausenpfiff sehenswert doch noch zum 1:0 für Werder in die Maschen. Psychologisch günstig, sagt man da. Die Profis hatten in den ersten 45 Minuten ihre Pflicht erfüllt.

Halbzeit. Auftritt des Stadionsprechers, Teil zwei: Die Endstände der Begegnungen werden verlesen, die schon am frühen Nachmittag begonnen hatten. Bremens großer Nordrivale, der Hamburger SV verliert in Karlsruhe mit 2:4. Riesenjubel in der Werder-Kurve, was für ein herrlicher Nachmittag! Was noch keiner ahnte: So sollte auch in Münster der Endstand lauten. Ich rieb mir vergnüglich die Hände, freute mich auf Hälfte zwei. Da konnte doch eigentlich nichts schief gehen. Oder? Von wegen! Zwar schlug Werder Bremen durch Niclas Füllkrug zwischenzeitlich mit dem 2:1 zurück, davor allerdings und auch neun Minuten vor dem finalen Pfiff narrte Preußen-Stürmer Matthew Taylor Bremens Innenverteidigung, die sich anstellte wie eine C-Jugend, womit man den Nachwuchsspielern eher Unrecht tut. Dann also doch: Verlängerung nach einem bis jetzt schon mitreißenden Pokalmatch bei hochsommerlichen Temperaturen.

Und dann passierte es: Sechs Minuten waren in der Extra-Spielzeit verstrichen, da vernaschte Dima Nazarov die Bremer Hintermannschaft und verwandelte das Stadion, altehrwürdig wie es dastand, in einen Hexenkessel bei ohnehin brütenden Temperaturen. Werder Bremen, der haushohe Favorit, wusste nicht, wie ihm geschah. Die Mannen von Thomas Schaaf taumelten nur noch über den Platz. Sie wussten: Wir sind auf dem besten Weg, uns hier und heute zu blamieren. Genau das schien die Spieler von der Weser zu lähmen. Echte Torchancen hatten sie trotz der gerade ausgepackten Brechstange keine nennenswerte mehr. Also dachte sich Matthew Taylor wohl, doch mit seinem dritten Tor an diesem Nachmittag den Sack endgültig zuzumachen. „Was für ein unglaublicher Nachmittag“, jubelte Münsters Stadionsprecher, während die Orgien der Freude über den Rasen auf die Ränge schäumten. Bremer Fans verließen das weite Rund bedient und fluchtartig. Auch ich wollte nichts mehr sehen, hören, mitbekommen von dieser Gänsehautstimmung. Das sind die bittersten Momente in diesen altehrwürdigen Arenen, wo du nur verlieren kannst. Jeder blamiert sich eben, so gut er kann. Fragt nur mal in Bremen, Hamburg, Hoffenheim, Frankfurt, Fürth oder Nürnberg nach.


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