Von Mark Read 1
Denkwürdiges Spiel

DFB-Elf fassungslos: 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden!

60 Minuten lang deutete gestern im Berliner Olympiastadion alles auf einen Kantersieg der deutschen Mannschaft hin. 4:0 führte die DFB-Elf gegen hilflose Schweden und gab das Spiel dann doch noch aus der Hand. Am Ende stand Fassungslosigkeit und ein Fußballabend, der viele Fragen offenlässt.


Wohin man auch blickte nach dem Abpfiff am gestrigen Abend in Berlin, man sah fassungslose Gesichter. Auf den Rängen bei bedröppelten und ernüchterten Zuschauern, auf der deutschen Trainerbank, wo Joachim Löw einige Momente brauchte, um sich wieder zu berappeln. Und auf dem Rasen, wo selbst abgekochte Profis wie Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose auf die Knie sanken und ratlos auf den Boden blickten. Nur die schwedischen Profis und ihr Betreuerstab jubelten ausgelassen über einen den größten Coups, den der europäische Fußball je gesehen hat.

Es klingt unglaublich, aber: Die deutsche Nationalelf hat gestern einen 4:0-Vorsprung verspielt. Innerhalb von weniger als 30 Minuten wurde all das zerstört, was sich Jogi Löws Truppe in den 60 Minuten zuvor mit berauschendem und großartigem Offensivfußball aufgebaut hatte. Unerklärliche Abwehrfehler reihten sich aneinander, Bälle wurden verschenkt, die am Boden liegenden Skandinavier wurden systematisch wieder aufgebaut und spielten die deutsche Elf am Ende gar an die Wand. Was war da passiert?

Der Reihe nach: Die DFB-Elf legte einen fulminanten Start hin und zeigte den Gästen im Berliner Olympiastadion vom Anpfiff weg, wer hier das Sagen hat. Miroslav Klose verwertete nach acht Minuten eine feine Vorarbeit von Marco Reus zum 1:0. Nur sieben Minuten später legte der Goalgetter einen weiteren Treffer nach und rückte in der ewigen Torjägerliste bis auf ein Tor an Gerd Müller heran. Eine atemberaubende Doppelpass-Orgie zwischen Reus, Toni Kroos und Mesut Özil schob Klose per Abstauber ein. 2:0, und die deutsche Elf drückte weiter auf's Tempo.

Das 3:0 nach 39 Minuten erzielte der nicht als torgefährlich bekannte Abwehrmann Per Mertesacker nach Kopfball-Vorlage von Thomas Müller. Das sagt eigentlich schon alles über die Kräfteverhältnisse zu dieser Zeit aus. Die konfusen Schweden sahen sich dem Angriffswirbel der DFB-Elf hilflos gegenüber. Zwar trauten sie sich nach der Pause erstmals zaghaft nach vorne, doch Özils schöner Dropkick zum 4:0 nach 56 Minuten schien ihr Schicksal zu besiegeln. Alles deutete jetzt auf eine Klatsche hin.

Doch dann das: Schwedens Superstar Zlatan Ibrahimovic köpfte nach 62 Minute eine lange Flanke ins deutsche Tor. Nur ein Schönheitsfleck? Das dachten wohl alle, und waren baff, als keine zwei Minuten später der Abwehrspieler Mikael Lustig aus spitzem Winkel die Kugel zum 2:4 ins Tor ballerte. Auf einmal zerfiel Löws Mannschaft in ihre Einzelteile. Johan Elmander spitzelte den Ball nach 76 Minuten gegen eine passive deutsche Abwehr ins lange Eck, nur noch 3:4. Die letzten Minuten gestalteten sich nervenaufreibend. Während eine geschockte DFB-Truppe die Bälle nach vorne kloppte und auf den Abpfiff wartete, ließen die Schweden einen Angriff nach dem anderen auf den Kasten von Manuel Neuer rollen.

Der K.O.-Schlag kam in der Nachspielzeit. Nach einer Kopfballverlängerung von Ibrahimovic kam Rasmus Elm völlig frei zum Schuss und erzielte den Ausgleich, auf den nach 60 Minuten nicht mal mehr Fantasten einen Pfifferling gesetzt hätten. Was danach kam, war die oben beschriebene Fassungslosigkeit.

Im ARD-Interview nach dem Abpfiff rang auch der Bundestrainer um Worte: "So kurz nach dem Spiel kann ich keine richtigen Aussagen treffen", so ein konsternierter Löw. "Ich bin ein wenig in der Schockstarre. Das muss man erstmal verarbeiten. Wir haben in der letzten halben Stunde unglaublich viele Fehler gemacht, die ich mir vor allem in der Häufigkeit überhaupt nicht erklären kann."

Was bleibt hängen nach diesem, nun ja, historischen Spiel? Deutschland steht mit 10 Punkten aus vier Spielen an der Spitze seiner Quali-Gruppe. Deutschland hat 60 Minuten lang begeisternden Offensiv-Fußball gespielt, vor dem jeder Gegner zittern muss. Aber Deutschland hat nun mal auch unfassbare Abwehrfehler gemacht und sich in der letzten halben Stunde alles andere als WM-tauglich präsentiert. Man sollte trotz des desaströsen Endes dieser Partie aber auf dem Positiven aufbauen. Löw und sein Trainerstab werden das Geschehene aufarbeiten und vermutlich alles daran setzen, die Abwehrfehler abzustellen.


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