Von Mark Read 0
Die Rolle der Medien

Der Tod von Amy Winehouse: Was müssen wir uns vorwerfen?


Viel wurde geschrieben über den tragischen Tod von Amy Winehouse. Über ihre Alkoholsucht, ihre Skandale, ihr musikalisches Vermächtnis. Ihre letzten Tage und Stunden wurden rekonstruiert, ihr gescheiterter Comebackversuch Anfang Juni genüsslich seziert. Daneben gingen allgemeine Fragen fast unter: Welche Schlüsse können wir aus Amy Winehouses Tod vor den Augen der Weltöffentlichkeit ziehen? Müssen auch wir uns etwas vorwerfen?

Als Amy Winehouse 2006 mit "Back to Black" ihren großen Durchbruch schaffte, war sie zunächst einmal nur eines: Musikerin. Noch dazu eine richtig gute. Sie brachte den Sound der 1960er Jahre zurück in die Gegenwart und klang gleichzeitig retro und modern. Ihr Mix aus Soul, R'n'B, Jazz und Ska wurde von Kritikern gefeiert, und der Charterfolg gab ihr Recht. Ihre schon damals offensichtliche Alkoholsucht wurde da noch eher wenig beachtet, nahm aber schon bald in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich mehr Raum ein als ihre Musik. Und daran hat sich bis zu ihrem tragischen Tod vor wenigen Tagen nur wenig geändert.

 

Jeder wusste, dass Amy Winehouse krank war. Die Medien, vor allem natürlich der gefürchtete britische Boulevard, berichteten stellenweise jeden Tag über ihre Eskapaden und Ausschweifungen und auch über ihre Drogen-Streifzüge mit Ehemann Blake Fielder-Civil. Oft heuchelten die bunten Blätter Anteilnahme, doch natürlich profitierten sie am allermeisten von Winehouses Sucht. Jeder gescheiterte Entzugsversuch, über den man berichten konnte, jagte die Verkaufszahlen in die Höhe. Dabei war jedoch nur allzu deutlich, dass es sich hier nicht um jemanden handelte, der ab und zu mit Freunden etwas trinken geht, sondern um eine Süchtige, die es nicht schaffte, von der Flasche loszukommen.

Natürlich war es zunächst einmal die Aufgabe von Winehouses Familie und Freunden, dafür zu sorgen, dass Amy ihre Sucht überwindet. Doch die Berichterstattung über sie machte es für die Sängerin sicherlich nicht einfacher, die nötigen Schritte zu tun. Alles, was sie machte, wurde in der Öffentlichkeit genüsslich ausgeschlachtet. Die Zeitungen, aber auch die Gesellschaft, alle lauerten nur auf ihren nächsten Fehltritt, um dann den moralischen Zeigefinger heben zu können und Amy Winehouse als schlechtes Vorbild für die Jugend anprangern zu können. Wir alle müssen uns also fragen, ob wir nicht anders hätten reagieren können und sollen.

Denn Winehouse hat niemanden umgebracht außer sich selbst. Sie war keine Kriminelle, sondern ein kranker Mensch. Russell Brand hatte in seinem bewegenden Abschiedsbriefan seine enge Freundin die richtigen Worte dafür: "Ob diese Tragödie zu verhindern war oder nicht, ist jetzt irrelevant. Jetzt ist sie nicht mehr zu verhindern. Wir haben eine wunderschöne und talentierte Person an diese Krankheit verloren. [...] Alles, was wir tun können, ist unsere Sichtweise auf diesen Zustand zu verändern, ihn nicht mehr als Verbrechen oder als romantische Schwäche zu beurteilen, sondern als tödliche Krankheit. Wir müssen auch die Sichtweise der Gesellschaft auf die Süchtigen verändern. Sie sind keine Schwerverbrecher, sondern kranke Menschen, die Hilfe brauchen." Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer: Schade, dass es so weit kommen musste.


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